Glaubensgemeinschaftliche Angebote für Kinder und Jugendliche
Übersicht über die Kirchen und Religionsgemeinschaften
Estland gehört einerseits neben Tschechien zu den beiden am meisten atheistisch geprägten Ländern Europas, andererseits sind in der nördlichsten Baltikumrepublik die vielfältigen religiösen Tendenzen präsent. Dass sich bei der Volksumfrage 2002 nur 51 der Befragten als „religiös“ (nach der Religionszugehörigkeit wurde hingegen gar nicht gefragt) bezeichneten, ist auf die historisch-kulturelle Entwicklung und nicht nur allein auf die Säkularisierung der letzten Jahrzehnte zurückzuführen, als es der Sowjetunion gelang, das religiöse Leben auf ein Minimum zu beschränken. Die meisten jungen Leute wuchsen so ohne einen Bezug zu einer Kirche auf, die katholische Tradition in Estland ist – was den springenden Unterschied zu Lettland und Litauen ausmacht – mit der Vertreibung der Katholiken 1626 völlig erloschen. Den vier „katholischen“ (1227-1626) folgten daraufhin bis zur erstmaligen Selbstständigkeit Estlands (1918-1940) die vier „protestantischen Jahrhunderte“ (1522-1918), aus denen 1917 die Estnisch-Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) als Institution hervorging. Heute sind nur knapp 30 Prozent der Bevölkerung als Angehörige einer Religionsgemeinschaft statistisch erfasst, die meisten davon zur protestantischen und orthodoxen (jeweils zirka 14 Prozent). Die Orthodoxie wird unter anderem von der großen russischen Minderheit getragen, die Katholiken zählen hingegen nur 6000 Mitglieder, was 0,4 Prozent der Bevölkerung ausmacht.
Neben weiteren religiösen Gruppierungen, die seit Jahrhunderten in Estland tätig sind (Baptisten, Adventisten, Methodisten), konnten nach der politischen Wende 1989 viele meist charismatische (evangelikale Gruppierungen) oder sektenähnliche (Hare Krishna-Anhänger) Bewegungen in der säkularisierten estnischen Gesellschaft Fuß fassen. Diese schwierige Situation hat natürlich auch nachhaltige Auswirkungen auf die konfessionelle Jugendarbeit und die damit verbundenen Strukturen.
Situation während des Kommunismus
Die EELK behauptete während der Sowjetzeit ihre Rolle als größte religiöse Vereinigung. Die Mitgliederzahlen gingen zwar stetig zurück, in der Phase des „nationalen Erwachens“ ab 1980 wurde die Rolle der EELK als estnische Identität aber immer bedeutender, da viele Geistliche in Unabhängigkeitsbewegungen aktiv waren. Die orthodoxen Kirchen, die sich ursprünglich zum ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel hingezogen fühlten, wurden in der Sowjetzeit mit dem Moskauer Patriarchat zwangsvereinigt. Diese Konstellation machte Estland ab 1990 zu einem Kampfplatz der orthodoxen Mächte, da sowohl der Moskauer Patriarch Alexej II. als auch der ökumenische Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel die orthodoxen Gemeinden für jeweils sein Patriarchat beanspruchten (eine ähnliche Konstellation gab es auch in Moldova und der Ukraine). Der Streit, der 1996 eskalierte, wurde schließlich damit beigelegt, dass jede Gemeinde eigenständig die Wahl des Patriarchats entscheiden durfte. Die Gemeinden der russischen Minderheit entschieden sich für die Zugehörigkeit zu Moskau, während viele estnisch geprägte Gemeinden nun zur autonomen Estnisch Apostolisch Orthodoxen Kirche (EAOK) gehören, die unter die Jurisdiktion des ökumenischen Patriarchats in Konstantinopel fällt.
Verhältnis Staat und Kirche
Die 1991/92 ausgearbeitete estnische Verfassung lässt einen religiösen Bezug bewusst außen vor und vermerkt in Artikel 40, dass es „keine Staatskirche gibt.“ Damit ist umschrieben, dass der Staat keine religiösen Gemeinschaften bevorzugt, die alle gleichbehandelt werden und dieselben Rechte und Pflichten haben. Staatliche Unterstützung im religiösen und sozialen Bereich erfahren die einzelnen Religionsgemeinschaften kaum und sind somit völlig auf sich alleine gestellt. Trotz des strengen Laizismus gilt die EELK neben dem Estnisch Ökumenischem Kirchenrat (dem alle wichtigen Religionsgemeinschaften angehören – das ökumenische Klima wird von allen Seiten als sehr angenehm bezeichnet) als Hauptbindeglied zwischen Staat und Kirche, wenngleich aufgrund der marginalen Rolle von Religion in der estnischen Gesellschaft der Einfluss der Kirchen auf politische Entscheidungen nahezu bedeutungslos ist.
Verbände, Gruppen und Bewegungen
Die protestantisch-lutherische Jugendarbeit ist in erster Linie geprägt von zwei Organisationen, die sich 2004 zur Association of Work with Children and Youth zusammenschlossen (MTÜ EELK Laste- ja Noorsootöö Ühendus). Sie ist aus dem 1991 gegründeten nationalen Jugendzentrum und der Sunday School Union entstanden. Mit dem Zusammenschluss der beiden größten protestantischen Jugendorganisationen soll die Arbeit in Zukunft noch effizienter gestaltet werden.
Das nationale Jugendzentrum nahm 1991 nach dem Ende der Sowjetunion seine Arbeit offiziell auf und koordinierte die protestantische Jugendarbeit in ganz Estland. Jahreshöhepunkt sind die „Tage der jungen Kirche“, wo sich einmal im Jahr die gesamte protestantische Jugend Estlands trifft. Auf der Tagesordnung stehen neben geistlichem Programm auch Diskussionsrunden und Bildungsarbeit.
Die Sunday School Union wurde bereits 1988 ins Leben gerufen, da in den Schulen Estlands bis heute kein Religionsunterricht gegeben wird. Die Sunday School Union unterrichtet die Mitglieder der protestantischen Kirchen jeweils an Sonntagen die ersten beiden Jahre zunächst im Untergrund, 1990 wurde die Organisation dann nach dem finnischen Vorbild als Organisation gegründet und gibt seitdem privaten Religionsunterricht für die estnische protestantische Kirche.
Durch den Zusammenschluss 2004 wurde die Arbeit effizienter gestaltet. Die EELK ist heute eine nicht-staatliche Organisation, die ihren Mitgliedern ein breites Angebot an christlicher Jugendarbeit bieten will. Sie ist der Dachverband für die in den Pfarreien tätigen Regionalverbände. Neben den „Tagen der jungen Kirche“ organisiert und koordiniert sie eine Reihe von Sommercamps, die Ausbildung der Gruppenleiter, den Konfirmationsunterricht und Informationstage für in der Jugendarbeit aktive Leiter. Zudem ist sie der Herausgeber einer ganzen Reihe von christlichen Zeitschriften, Liederbüchern und Journalen für Kinder und Jugendlichen.
Kontakt
The Estonian Evangelical Lutheran Church´s
Association for Work with Children and Youth
Kiriku plats 3, 10130 TALLINN
ESTONIA
Tel.: +372 627 7374, Fax: +372 627 7352
E-Mail: lny@eelk.ee, Website: www.eelk.ee/lny oder www.eelk.ee/lny/pea_lnu.php
Direktor: Jaan Tammsalu
Leiterin der Abteilung Kinder: Lia Kaljuste
Leiterin der Abteilung Jugendarbeit: Mari-Ann Oviir
Neben der estnisch-lutherischen Kirche gibt es noch zwei weitere kleinere evangelikale Kirchen, die ebenfalls Jugendarbeit anbieten, die Pfingstprediger und die Reformierten.
Nur 0,4 Prozent und damit 6000 Esten gehören der katholischen Kirche an, die sich somit in einer Diaspora-Situation befindet. Von den 13 Priestern Estlands aus insgesamt acht Nationen ist nur einer wirklich Este (Vello Salo), wobei keiner offiziell für Jugendseelsorge zuständig ist. Katholische Jugendorganisationen wurden seit 1991 noch nicht gegründet, Jugendtreffen finden sporadisch statt. Die Organisation liegt dabei in den Händen des Theologiestudenten Hannes Heinsar.
Literaturtipps
- Ringvee, Ringo: Religion nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Estland. In: Ost-West. Europäische Perspektiven. Schwerpunkt: Die baltischen Staaten. Heft1/2006.
- Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder. Herausgeber Gert von Pistohlkors. Berlin: Siedler 1994.
- Helk, Vello 1977: Die Jesuiten in Dorpat 1583-1625: Ein Vorposten der Gegenreformation in Nordosteuropa. Odense: Fyens Stiftbogtrykkeri.
- Klinke, Lambert 2000: Erzbischof Eduard Profittlich und die katholische Kirche in Estland 1930-1942. Ulm: Hess.
- Salo, V. 2000: Geschichte der katholischen Kirche in Estland bis 1918. Manuskript.
- Salo, V. 2002: The Catholic Church in Estonia, 1918-2001. The Catholic Historical Review, Vol. LXXXVIII, No. 2, Seiten 281-292.
- Salo, V. 1987: Per un’introduzione alla storia religiosa dell’Estonia. In: Storia religiosa dei popoli baltici. Collana «Ricerche» 16. Milano/Gazzada, Seiten 47-68.
- Wrembek, Christoph 2002: Jesuiten in Estland 1923 bis 1961. Tartu: JEV.
- GO EAST. Jugend in Ost und West gestaltet Zukunft. Eine Arbeitshilfe für die kirchliche Jugendarbeit in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, hrsg. v. BDKJ und Renovabis - Infos und Download unter www.goeast-online.de
- Länderinformationen zur Evangelischen Kirche in den Baltischen Staaten, hrsg. vom Kirchenamt der EKD, Informations - und Kontaktstelle Osteuropa (IKOE): www.ekd.de/download/baltikum.pdf


