Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit - EE

Hier gibt's Infos zu den Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit in Estland. Mehr lesen unter

Kultur und Lebensformen

1997 waren 34% der estnischen Bevölkerung unter 25 Jahren, das entspricht einer Zahl von etwa 490 000.

Während der letzten Jahrzehnte hat sich die Mentalität der jungen Menschen in Estland gewandelt. In der heutigen Zeit sind die jungen Menschen weitaus stärker an materiellem Wohlstand und sozialem Status interessiert als noch zu sowjetischen Zeiten. Dies haben regelmäßige Untersuchungen an der soziologischen Abteilung der Universität Tartu ergeben. 1977, 1983, 1990 und 1992 wurden Studenten und Schüler der weiterführenden Schulen zu ihren Einstellungen und Haltungen befragt. 

Im Mittelpunkt der Umfrage 1990 stand die Einstellung der Jugendlichen zu den Freizeitaktivitäten. Am wichtigsten war für die Jugendlichen der Zeitvertreib unter ihresgleichen, gefolgt von sportlichen Aktivitäten sowie Kino-, Theater- und Konzertbesuchen. Wenig beliebt war bei den Jugendlichen die noch zu sowjetischen Zeiten gängige Gemeinwesenarbeit.

Ebenfalls gewandelt haben sich die Einstellungen und Lebensformen bezüglich der Familie. Bei einer Untersuchung aus dem Jahre 1993 ergab sich im Vergleich zu 1985 eine signifikante Abnahme in der Anzahl von jungen Menschen, die verheiratet waren und bereits ein oder mehrere Kinder hatten. Diese Abnahme von verheirateten jungen Menschen und Paaren mit Kindern lag aber nicht an der negativen Einstellung gegenüber der Familie als traditioneller Institution, sondern an den ökonomischen Schwierigkeiten und der hohen Arbeitslosigkeit zu Beginn der 90er Jahre.

Link
www.noorteseire.ee/en/yearbook - Jahrbuch des estnischen Youth Monitor, Schwerpunkt 2011: Jugendliche und Jugendarbeit (erscheint im April 2012)

Beschäftigung und Arbeitslosigkeit

Die Zahl der arbeitslosen jungen Menschen in Estland zwischen 15 und 24 Jahren lag im 4. Quartal 2000 bei 25 000 Personen (26,4%, Quelle: Statistical Office of Estonia). Dies war der höchste Stand in den letzten Jahren. Bis zum 3. Quartal 2004 sank die Quote wieder auf 19,3%.

Arbeitslose junge Leute als Gruppe sind nicht homogen, Arbeitslosigkeit hängt stark von Bildungsgrad, Geschlecht und Nationalität ab. Je höher der Bildungsgrad, um so optimistischer beurteilen junge Esten ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenrate unter Männern ist höher als unter Frauen und sie ist auch höher unter Personen russischer Herkunft als unter Esten.

Kriminalität

Wie in vielen anderen Ländern ist auch in Estland die steigende Jugendkriminalität ein Problem. Im Jahre 1995 wurden 38% aller aufgeklärten Eigentumsdelikte von jungen Menschen begangen, insbesondere von der Altersgruppe der 16- und 17-Jährigen. Gewaltverbrechen dagegen werden häufiger von der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen begangen.

Wie in vielen anderen Ländern ist auch in Estland die steigende Jugendkriminalität ein Problem. Im Jahre 1995 wurden 38% aller aufgeklärten Eigentumsdelikte von jungen Menschen begangen, insbesondere von der Altersgruppe der 16- und 17-Jährigen. Gewaltverbrechen dagegen werden häufiger von der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen begangen.

Die überwiegende Zahl der Straftäter ist weder berufstätig noch in der Ausbildung oder im Studium. Kriminelle Gruppen von Jugendlichen sind mittlerweile zum Teil professionell organisiert.

Nach estnischem Recht sind Jugendliche ab 15, bei schweren Verbrechen ab 13 Jahren für ihre Taten verantwortlich. Das maximale Strafmaß liegt bei 8 Jahren.

Die Jugendkriminalität fällt in den Arbeitsbereich der Jugendpolizei, die 1994 gegründet wurde und mit derzeit etwa 100 Beamten in Estland tätig ist.

Drogen

In Estland werden die Jugendlichen in zunehmendem Maße mit Drogen konfrontiert und diese auch häufiger konsumiert. Schätzungen aus dem Jahre 1993 gehen von 8 000 bis 10 000 Drogenkonsumenten aus, was etwa 0,5 - 0,7% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Im September 2001 haben drei Drogenpräventionszentren in Tallinn, Tartu und Narva ihre Arbeit aufgenommen.

Die Bekämpfung des Drogenmissbrauchs fällt unter die Zuständigkeit des Sozialministeriums, insbesondere die Abteilung für Öffentliche Gesundheit. Dem Sozialministerium beigeordnet ist das Nationale Drogenkomitee, das 1994 gegründet wurde. 1996 wurde ein Interministerielles Komitee für Drogenpolitik ins Leben gerufen. Ihm gehören Vertreter/innen verschiedener Ministerien (Bildung, Finanzen, Äußere Angelegenheiten, Inneres, Justiz) an. 1997 wurden die Prinzipien der Drogenpolitik sowie das Programm zur Prävention von Alkohol- und Drogenabhängigkeit für den Zeitraum bis 2007 verabschiedet.

Der illegale Besitz, Verkauf oder Diebstahl von Drogen kann in Estland Gefängnisstrafen von bis zu 12 Jahren nach sich ziehen.

Das Alkohol-Problem ist unter Jugendlichen in Estland größer als der Drogenmissbrauch. In der ersten Jahreshälfte von 1996 wurden von der Polizei 62 Drogensüchtige, aber 721 alkoholisierte Jugendliche aufgegriffen. Alkohol ist in Estland relativ billig und leicht zugänglich. Der Drogenkonsum und die Ausbreitung von HIV/ AIDS sind unter Jugendlichen alarmierend angestiegen. Das Durchschnittsalter der Drogenabhängigen liegt bei 23 Jahren.

Relevante Gesetze

Die Jugendarbeit in Estland wird durch das Gesetz über Jugendarbeit (Estonian Youth Work Act) vom 17. Juni 2010 geregelt. Durch das Gesetz wird das Bildungs- und Forschungsministerium mit der Koordinierung folgender Aufgaben betraut:

  • Vorbereitung staatlicher Programme für die Jugend
  • Unterstützung der Jugendverbände
  • Koordination des Informations- und Beratungssystems für Jugendliche
  • Forschung in Jugendfragen etc.

Das Gesetz stellt in der Ausführung sämtlicher Aufgaben ausdrücklich den Jugendlichen selbst in den Mittelpunkt und regelt dabei Begrifflichkeiten wie "junger Mensch", "Träger der Jugendarbeit", "Jugendverband", "Jugendrat","Jugendprogramm", "Jugendprojekt" sowie die Inhalte der Jugendarbeit und Zuständigkeiten. 

Weitere jugendrelevante Gesetze sind das Schulgesetz, das Verbandsgesetz, das Bildungsgesetz und noch viele andere Gesetze oder gesetzliche Bestimmungen, die in Teilbereichen die Jugend betreffen.

Altersbezogene gesetzliche Bestimmungen

Gemäß dem estnischen Jugendgesetz werden alle jungen Menschen zwischen 7 und 26 Jahren als Jugendliche bezeichnet und können im Bereich der Jugendarbeit in den Genuss von Fördermitteln kommen.

In Estland besteht für die so genannte primary und die basic secondary education Schulpflicht, d.h. für die Altersgruppe der 7- bis 16-Jährigen.

Weitere Angaben zu altersbezogenen gesetzlichen Bestimmungen liegen derzeit nicht vor.

Relevante Ministerien und ihre Zuständigkeiten

Für die Koordinierung der Jugendpolitik in Estland ist das Bildungs- und Forschungsministerium zuständig, das über eine eigene Jugendabteilung verfügt.

Zu den wichtigsten Aufgaben des Ministeriums zählen:

  • Vorbereitung staatlicher Programme für die Jugend
  • Unterstützung der Jugendverbände
  • Koordination der Jugendcamps
  • Koordination des Informations- und Beratungssystems für Jugendliche
  • Forschung in Jugendfragen
  • Überwachung der Verwendung der finanziellen Mittel etc.

Das Ministerium veröffentlichte 2001 eine Konzeption der estnischen Jugendarbeit für 2001 bis 2014 und parallel dazu einen Entwicklungsplan der Jugendarbeit in Estland für die Jahre 2001 bis 2004. Außerdem ist in Teilbereichen das Kultusministerium mit jugendrelevanten Fragen befasst. Es leistet finanzielle Unterstützung für das landesweite Netz von Kunst- und Musikschulen für Kinder und Jugendliche.

Nationale und regionale Kinder- und Jugendräte

Am 19. Mai 2002 wurde der Nationale Jugendring Estlands (Eesti Noorteühenduste Liit, ENL) gegründet. Er ist eine Dachorganisation von zurzeit über 55 Jugendorganisationen.

Kinder- und jugendpolitische Einrichtungen und ihre Kompetenzen

Seit dem 1. September 1999 besteht das Zentrum für Jugendarbeit Estlands (Eesti Noorsootöö Keskus), das auf Beschluss des Bildungs- und Forschungsministeriums gegründet und von diesem auch finanziell unterstützt wird. Ziel des Zentrums ist die Koordinierung der Jugendarbeit im Land. Folgende Arbeitsbereiche bilden den Schwerpunkt des Zentrums:

  • Information und Beratung
  • Projekte und Programme
  • Schulung und Training
  • Jugendkarte <26
  • Internationale Zusammenarbeit
  • Soziale und sozialpädagogische Jugendarbeit u.v.m.

Das Zentrum für Jugendarbeit führt außerdem jährlich die Jugendinformationsmesse Teeviit durch, auf der Jugendliche Informationen über Studiumsmöglichkeiten, Jobs, Jugendorganisationen, Freizeitaktivitäten usw. finden können.

Kinder- und jugendpolitische Schwerpunkte und Aktionsprogramme

Im November 1999 fand in Estland ein Jugendarbeitsforum statt, auf dem die Prioritäten der estnischen Jugendarbeit der nächsten Jahre festgelegt wurden. Im Wesentlichen sind vier Bereiche in den Vordergrund gestellt worden: 

  1. Entwicklung von präventiven Möglichkeiten in der Jugendarbeit 
  2. Fort- und Weiterentwicklung des Informations- und Beratungssystems für Jugendliche 
  3. Weiterentwicklung des Zentrums für Jugendarbeit Estlands und Ausweitung seiner Arbeitsbereiche 
  4. Verstärkung des Einflusses der freien Träger in der Jugendarbeit (inkl. größere finanzielle Unterstützung), Stärkung der Dachorganisationen der Jugendverbände 

Im Jahr 2001 formulierte der damalige Bildungsminister Tönis Lukas ein Konzept zur estnischen Jugendarbeit, in dem die Hauptbereiche und Begriffe der Jugendarbeit definiert werden und das eine Basis für die Ausarbeitung und Realisierung von Entwicklungsplänen darstellt. Ziel der Jugendarbeit ist es demnach, "die Bedingungen für persönlichkeitsentwickelnde Beschäftigungen außerhalb der Familie, Schule und Arbeitsstelle zu schaffen, um die Sozialisierung der Jugendlichen und ihre Entwicklung zu in der Gesellschaft zurechtkommenden Mitgliedern zu fördern."

Nach dieser Konzeption findet Jugendpolitik auf verschiedenen staatlichen Ebenen statt: Parlament und Regierung schaffen die gesetzliche Basis für Jugendarbeit und stellen finanzielle Mittel aus dem Hauhalt bereit, das Bildungs- und Forschungsministerium und andere Ministerien sind zuständig für die (Weiter-) Entwicklung von Gesetzen und Konzepten und verantwortlich für die Umsetzung der staatlichen Jugendprogramme und -projekte, der Landkreisvorsteher und die örtliche Selbstverwaltung koordinieren und organisieren Jugendarbeit im entsprechenden Zuständigkeitsbereich. Außerdem führen freie Träger selbständig Jugendarbeit durch, darüber hinaus beteiligen sich Wirtschaftsunternehmen als Kooperationspartner der örtlichen Selbstverwaltung und an der Finanzierung. 

Der hierauf basierende Entwicklungsplan der Jugendarbeit in Estland für die Jahre 2001 bis 2004 beschreibt die Jugendarbeit in acht Bereichen: Jugendsozialarbeit; Freizeitbildung; Information über und für die Jugendlichen, Beratung und Forschung; Ausbildung, Fortbildung und Umschulung im Bereich der Jugendarbeit; gesundheitsfördernde und -entwickelnde Erholung der Jugendlichen; Integration der Jugendlichen in die Arbeitswelt; Internationale Jugendarbeit; Strukturen der Jugendarbeit und Beteiligung der Jugendlichen an deren Tätigkeit. Neben den Prioritäten der einzelnen Bereiche werden die zuständigen Institutionen und Verbände genannt.

Auf dem 3. Forum für Jugendarbeit vom 12. bis 13. Mai 2005 in Pärnu wurde von Vertreter(inne)n estnischer Einrichtungen der Jugendarbeit ein Strategiepapier verabschiedet, das die Basis für die Jugendpolitik der Jahre 2006 bis 2013 bildet. Folgende Hauptziele wurden formuliert:

  • Sicherstellung von Jugendpartizipation und -entwicklung in allen jugendpolitischen Bereichen auf der Grundlage aktueller Interessen und Bedürfnisse junger Menschen 
  • Sicherstellung der Nachhaltigkeit der Jugendarbeit, indem Variabilität und Qualität der Angebote der Jugendarbeit erhöht und der Zugang zu ihnen verbessert werden 

Eine Zusammenfassung des Strategiepapiers in deutscher Sprache kann hier heruntergeladen werden: 
Jugendpolitik und Strategien der Jugendarbeit in Estland 2006-2013 - Kurze Zusammenfassung

Das gesamte Strategiepapier hier zum Download (in Englisch, 2 MB): ESTONIAN YOUTH WORK STRATEGY 2006-2013 

Am 21. Februar 1996 lancierte Präsident Lennart Meri das Tiger Leap National Program. Ein Ziel dieses Programmes ist die Modernisierung des Erziehungssystems mit besonderem Blick auf die Anpassung an die Bedürfnisse einer modernen Informationsgesellschaft. 1997 wurde daraufhin auf Initiative des Erziehungsministeriums, der Computerindustrie und einiger privater Einzelpersonen die Tiger Leap Foundation gegründet. Diese wurde damit beauftragt, die Ziele des Programmes organisatorisch und finanziell zu verwirklichen. In der Öffentlichkeit wurde das Programm durch den Spruch Einen Computer für jeden 20. Schüler bekannt.

Estland nimmt am europäischen Aktionsprogramm JUGEND IN AKTION teil. Ansprechpartner ist die estnische Nationalagentur. Zwischen 2000 und 2002 konnten über 241 verschiedene internationale Jugendprojekte mit einer Summe von 14,6 Millionen EEK (zirka 933 108 Euro) durch JUGEND IN AKTION gefördert werden.

Staatliche nationale Förderung

Die direkte Förderung der Jugendarbeit in Estland wird ausschließlich über das Bildungs- und Forschungsministerium abgewickelt. Dieses unterstützt Jugendverbände sowohl institutionell als auch projektbezogen und übernimmt auch die Kontrolle über die Verwendung der Mittel. Des Weiteren werden Jugendcamps finanziell unterstützt und Forschungsgelder vergeben. Ein Drittel der vom Staat zur Verfügung gestellten Fördermittel stammt aus der von den betroffenen Einrichtungen an den Staat abzuführenden Spielsteuer.

Private und sonstige Finanzierungsquellen

Eine große Anzahl von Stiftungen bemüht sich in Estland um die Förderung von Kindern und Jugendlichen, vor allem in den Bereichen der Bildung und Ausbildung, der kulturellen Jugendbildung, des Sports sowie des internationalen Austauschs. Mehr Informationen bei der Nationalen Kulturstiftung Estlands.

Eine der bedeutenden weltweiten Stiftungen, die auch in Estland wirkt, ist die Soros-Stiftung. Die dortige Unterorganisation heißt Open Estonia Foundation und unterstützt auch Projekte im Kinder- und Jugendbereich. Seit September 2009 gibt es z.B. den Youth Action Fund, der junge Menschen im Alter von 15-26 Jahren ermutigen soll, sich für soziale Inklusion, kulturelle Vielfalt und eine aktive Bürgerschaft einzusetzen und sie bei ihren Initiativen, die sich diesen Themen widmen, zu unterstützen.