Glaubensgemeinschaftliche Angebote für Kinder und Jugendliche

Volk - Land - Tora
Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung ist weltlich-säkular und nur eine Minderheit ausgesprochen religiös orientiert. Das gilt auch für die moslemischen und christlichen Glaubensgemeinschaften. Trotz mancher Spannungen und Konflikte zwischen Religiösen und Säkularen werden individuelle und kollektive Identitäten in beiden Gruppen durch jüdische Kultur, Tradition und Geschichte geprägt. Im Denken und in der Sprache auch ausgesprochen weltlich orientierter Israelinnen und Israelis nehmen die Wort der hebräische Bibel (TORA), die Geschichte des jüdischen Volkes (AM ISRAEL) und die jüdische Geschichte im Land Israel (EREZ ISRAEL) großen Raum ein. In der Auffassung von Israel als Heimat des jüdischen Volkes vermengen sich nationale und religiöse Motive.

Staatliche-religiöse Erziehung
Staatliche Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Institutionen und Verbände in Israel wenden sich in besonderer Weise an die religiöse Bevölkerung. Das Bildungssystem unterhält ein Netz staatlich-religiöser Erziehungseinrichtungen. Ministerien und lokalen Behörden kümmert mit dem Arbeitsbereich Religiöse Erziehung (TAT, Kürzel für TARBUT TORANI, religiöse Kultur) um spezielle Belange religiöser Bevölkerungsgruppen. Die Abteilung Soldatenlehrerinnen (MOROT CHAJALOT) im Erziehungsministerium entwickelt Programme zur pädagogischen Begleitung junger religiöser Frauen, die als Teil ihrer Armeezeit Freiwilligendienste in sozialen Brennpunkten leisten. Die Abteilung für Internatserziehung (CHINUCH PNIMIATI) hat eine ähnliche Aufgabe in Bezug auf staatlich-religiöse Jugenddörfer (KFAREI NOAR) oder Internate zum Studium religiöser Schriften für Jungen (JESCHIWOT) und Mädchen (ULPANOT).

Vorbereitungsseminar zur BAR MIZWA in einer TALI-Schule. Quelle: Website TALI 29.6.08

Das Amt für Gesellschaft und Jugend im Erziehungsministerium (CHEWRA WENOAR) entwickelt und begleitet mit seiner Abteilung Staatlich-Religiöse Erziehung (CHEMED, Kürzel für CHINUCH MAMLACHTI DATI, staatlich-religiöse Erziehung) Bildungsprogrammen für Kinder und Jugendliche, die demokratische Werte im Einklang mit den Geboten der Bibel vermitteln (TORA UMIZWOT). Die Abteilung Arabischer Sektor (HAMIGSAR HA’ARAWI) beschäftigt sich mit Bildungs- und Erziehungsfragen des arabischen Teils der israelischen Bevölkerung und nimmt in entsprechenden Lehrplänen und Materialien auch auf religiöse Fragen Bezug, wie zum Beispiel die Vorbereitung und Begleitung moslemischer oder christlicher Feiertage.

Religiöse und Säkulare
Die Förderung von Begegnungen zwischen Säkularen und Religiösen mit dem Ziel der Bewahrungen der Einheit der Nation (ICHUD LE’UMI) gilt als gemeinsame nationale Aufgabe (siehe Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit > Kinder- und jugendpolitische Strukturen > Aktionsprogramme > Einheit und Vielfalt). Besonders nach dem Schock über die Ermordung des israelischen Premierministers Jizchak Rabin 1995 durch einen fanatischen religiösen Juden sind verschiedene staatliche und nichtstaatliche Initiativen für eine bessere Verständigung zwischen religiöser und säkularer Bevölkerung unternommen worden.

Besondere Bildungsprogramme versuchen die starre Trennung zwischen religiösen und säkularen Schulsystemen zu mildern. Das von der Regierung unterstützte Erziehungsprogramm KESCHET (Regenbogen) fördert die Neugründung von Schulen, in denen sich beide Bevölkerungsgruppen mischen. In der der nationalen Fußball-Jugendliga spielt unter dem Motto ZAW PIUS (Gebot zur Versöhnung) eine Fußballmannschaft aus Netanja, die zur Hälfte aus religiösen und zur Hälfte aus säkularen Spielern besteht. Die Mannschaftsmitglieder engagieren sich neben dem Fußballspielen in sozialen und pädagogischen Projekten, der Schabbat bleibt natürlich spielfrei.

In den vergangenen Jahren ist das Interesse auch säkularer Israelinnen und Israelis an einer persönlichen Begegnung und Auseinandersetzung mit religiösen Schriften wie TORA undTALMUD gewachsen. Das BEIT MIDRASCH (Lernhaus zum Studium der TORA und ihrer Auslegung) in moderner Ausprägung wird zu einem gern besuchten Ort, wo sie sich säkulare und religiöse, junge und alte Lernende zum gemeinsamen Studium zusammenfinden.

Links
moreshet.iba.org.il - MORESCHET (Erbe - jüdisch religiöser Kanal des staatlichen Rundfunksenders KOL ISRAEL)
www.tali.org.il - TALI EDUCATIONAL FUND (Vermittlung jüdischer Religion und Tradition in staatlich-säkularen Schulen)
www.tzavpius.org.il - ZAW PIUS (Gebot zur Versöhnung - Dialog  zwischen Religiösen und Säkularen)
www.yesodot.org.il - YESODOT (religiöses Bildungszentrum für TORA und Demokratie)

Religiöse Strömungen
In Israel unterhalten die verschiedenen religiösen Strömungen in Judentum, Islam und Chris-tentum jeweils eigenständige von der Regierung unabhängige religiös ausgerichteten Erzie-hungs- und Bildungssysteme für Kinder und Jugendliche. Dabei kann es sich um Schulen, andere Bildungseinrichtungen, Fortbildungs- und Freizeitangebote oder Anlaufstellen zur seelsorgerischen und sozialen Unterstützung handeln. Die religiöse jüdische Bevölkerung lässt sich fünf Grundströmungen zuordnen:

1. Gottesfürchtige
2. Bibeltreue Orientalen
3. Nationalreligiöse
4. Konservative
5. Progressive

Mehr Informationen zu den fünf Grundströmungen hier...

Staatliche Freiwilligendienste
Unter den jungen Israelinnen und Israelis, die sich an Stelle eines Armeedienstes oder als Teil ihrer Militärzeit zu ein- oder zweijährigen sozialen Freiwilligendiensten melden, sind besonders viele religiöse Frauen. Der Nationale Dienst (SCHERUT LE’UMI) richtet sich an Freiwillige, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zum Wehrdienst herangezogen werden. Eine besondere Form dieses Dienstes ist der Nationale Dienst in der Diaspora (SCHERUT LE’UMI B’TFUZOT), der von der internationalen religiösen Jugendorganisation BNEI AKIWA (Söhne Akiwas) und der Erziehungsabteilung der Jewish Agency for Israel organisiert wird. Künftige Wehrpflichtige können sich unter der Bezeichnung Dienstjahr (SCHNAT SCHERUT) auch zu einem vormilitärischen einjährigen Programm verpflichten.

Die Freiwilligen wollen durch ihr sozial-karitatives und erzieherisches Engagement bei Kindern und Jugendlichen Neugier für jüdische Kultur, Sprache und Religion wecken, Verbindungen zwischen säkularen und religiösen Bevölkerungsteilen schaffen und die Beziehungen zwischen Israel und jüdischen Gemeinden im Ausland stärken. Bei ihrem Eintritt in die säkulare Welt und während ihrer Dienstzeit werden die religiösen Freiwilligen vom Ministerium für Wohlfahrt und staatlichen pädagogischen Begleitprogrammen unterstützt (siehe auch Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit > Kinder- und jugendpolitische Strukturen > Relevante Ministerien und ihre Zuständigkeiten: Ministerium für Arbeit und Wohlfahrt).

Armeeprogramme
Religiöse Studenten aus JESCHIWOT (TALMUD-TORA-Schulen) sind nicht wehrpflichtig (siehe Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit > Kinder- und jugendpolitische Strukturen > Relevante Ministerien und ihre Zuständigkeiten: Ministerium für Sicherheit). Sie können jedoch freiwillig in speziellen Armee-Einheiten dienen, die das Studium religiöser Schriften mit einem verkürzten Militärdienst kombinieren. Durch diese Regelung soll die Bereitschaft der religiösen Bevölkerung für einen Armeedienst gestärkt und ihre Integration in die israelische Gesellschaft verbessert werden.

Säkulare und religiöse Soldaten - Konflikte innerhalb der Armee um die Zwangsräumung von Siedlungen. Cartoon: HA’ARETZ Internet Edition 22.10.04

In den letzten Jahren hat die Zahl religiöser Frauen zugenommen, die einen Armeedienst leisten wollen, obwohl sie dazu nicht verpflichtet sind. Für 2007 ist daher erstmalig die Einrichtung einer speziellen Armee-Einheit (MECHINA KDAM ZWA’IT) für religiöse Frauen geplant, die diese bei ihrer Begegnung mit der säkularen Welt begleiten wird. Sie sollen einen Armeedienst leisten können, ohne ihre an den religiösen Geboten ausgerichteten Überzeugungen und Lebensweisen aufgeben zu müssen. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der religiösen Kibbuz-Bewegung DATI entwickelt.

Judentum Online
Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich über Angebote und Programme verschiedener religiöser Strömungen zu informieren. Lernportale erleichtern es, jüdische Religion, Kultur und Tradition zu studieren. Datenbanken geben wertvolle Hilfen beim Finden von jüdischen Schriften und ihrer Auslegung. Erfahrungsberichte und praktische Tipps helfen bei der Vorbereitung jüdischer Feiertage und Familienfeste. Bei religiösen Jugendlichen besonders bliebt sind Internet-Foren in Form von Fragen und Antworten zwischen Surfern und Rabbinern. Diese spezielle Art religiöser Unterweisung wird mit dem hebräischen Kürzel SCHUT bezeichnet (SCHE’ELOT UTSCHUWOT, Fragen und Antworten).

Religiöse Jugendliche nutzen das Internet zur Kommunikation über alltägliche Fragen des Glaubens und der Religion, zum Beispiel im Forum Freunde antworten (CHAWERIM MAK-SCHIWIM) im Internetportal KIPA. Eine Titelliste der threads gibt Aufschluss über aktuelle Diskussionen: Bibel und Gebote, Böses in der Welt, Demut, Feiertage, Freiheit, Glaube, Jugendbewegungen, Leitungsfunktionen, Persönliche Geschichten, Rechtsentscheidungen, Religiöser Zionismus, Staat und Erlösung, Werte, Zwischen Mann und Frau. Internetforen (KWUZOT HADIJUN) des Erziehungsministeriums sprechen Jugendliche aus dem Bereich des staatlich-religiösen Erziehungssystems an und behandeln ähnliche Fragen, außerdem noch: Armeedienst, Drogen, Freiwilligendienste, Gedenkstättenfahrten, Holocaust, Internetprobleme, Schülerräte.

Links
www.bmv.org.il - BEIT MIDRASCH VIRTUALI (Website zum Studium von Talmud und Mischna-Texten)
www.dafyomi.co.il - DAFYOMI ADVANCMENT FORUM (Lernportal zum TALMUD-Studium)
chareidi.shemayisrael.com - DE’A WEDIBUR (TORA-Informationsnetzwerk)
www.daat.ac.il - DA’AT (Meinung - Lernportal des Erziehungsministeriums für Judentum und Tora)
www.piyut.org.il - HASMANA L’PIJUT (Einladung zur Liturgie - Studium jüdischer liturgischer Poesie)
www.kipa.co.il - KIPA (populäres Portal zu jüdischen religiösen Themen)
www.mikragesher.org.il - MIKRA GESCHER (Website für Bibel-Studium nach Lehrplänen des Erziehungsministeriums)
www.mikranet.org.il - MIKRA NET (Website für Bibelkunde)
www.moreshet.co.il - MORESCHET (Internetportal zu jüdischem Wissen)
www.snunit.org.il/toshba/ - SNUNIT-TOSCHBA (Lernportal zur Auslegung der TORA)
cms.education.gov.il/educationcms/units/mazkirut_pedagogit/toshba/ - TOSCHBA (Unterrichtsmaterial zu Traditionen mündlicher jüdischer Schriftauslegung)
www.kabbalah.info/engkab/worldwide_classes.htm - WORLD CENTER FOR KABBALAH (Lernzentrum zum Studium der Kabala)
www.yishreilev.org - YISHREI LEV (Unterricht in TORA-Kunde für Kinder)

Trends
Nach der Zwangsräumung aller israelischen Siedlungen des Gaza-Streifen 2005 sind viele national-religiös gesinnte Jugendliche enttäuscht und verunsichert. Sie fühlen sich von Regierung, Armee und den Medien im Stich gelassen und distanzieren sich vom Establishment. Neue Bildungsprogramme versuchen, ein Auseinanderfallen ihrer israelischen und jüdischen Identität zu verhindern. Durch organisierte Begegnungen zwischen Jugendlichen aus 1967 eroberten Gebieten und aus dem israelischen Kernland sollen Frustrationsgefühle und Verbitterung abgebaut werden.

Bildungsprogramm TOSCHBA zur Auslegung der TORA. Foto: Website Erziehungsministerium 29.6.08

Eine 2006 veröffentliche Studie der Ben-Gurion-Universität stellte innerhalb der religiösen Jugend des staatlich-religiösen Erziehungssystems eine Tendenz zur Distanzierung von ihrem religiösen Elternhaus fest. 42 % der Befragten geben an, sich weniger religiös zu fühlen als ihre Eltern, 25 % wollen nach Abschluss der Oberschule aufhören, ihre Religion zu praktizieren. Medien schreiben von einem Erdbeben in der Jugend und rufen nach Initiativen zur Stärkung der persönlichen Verbundenheit religiöser Jugendlicher mit ihrer Gemeinde.

Das Interesse der jungen Generation an fernöstlichen Religionen und Heilmethoden, Meditationstechniken, Yoga und Thai-Chi ist groß. Entsprechende Kurse und Fortbildungsangebote finden unter Jugendlichen, die auf der Suche nach neuer Spiritualität jenseits traditioneller religiöser Angebote sind, starken Zulauf. Einiges Aufsehen erregte 2006 die Ankündigung der pädagogische Fachhochschule Beit Berl, einen interreligiösen akademischen Studiengang Spirituelle Studien - Religionen, Mystizismus und Philosophie einzuführen. Bisher hatten New Age-Themen im akademischen Lehrbetrieb israelischer Hochschulen keinen Platz.

Links

  • Bildungseinrichtungen
    www.bmj.org.il - BEIT MORASCHA (TORA-Studien kombiniert mit akademischer Ausbildung)
    www.hartmaninstitute.com - MACHON SCHALOM HARTMAN (Institut für interreligiöse Forschung und Diskussi-on)
    www.jici.org - Torah Institute of Contemporary Issues (religiöses Institut für aktuelle Fragen)
  • Fachhochschulen
    www.shaanan.macam98.ac.il - HAMICHLALA HA’AKADEMIT HADATIT L’CHINUCH (religiöse pädagogische Fachhochschule)
    www.talpiot.macam98.ac.il - HAMICHLALA TALPIOT (religiöse Fachhochschule für Lehrer und Erzieher)
    www.midrashot.org -IGUD HAMIDRASCHOT (Dachverband der Fachhochschulen für Judentum und Israelkun-de)
    lif.ac.il - MICHLELET LIFSCHITZ (religiöse Fachhochschule für Lehrerausbildung)
    www.orot.org - MICHLELET OROT (pädagogische Fachhochschule für Absolventinnen religiöser Oberschulen)
    www.midrasha.co.il - MIDRASCHA EIN HANAZIV (Frauen-Fachhochschule für Jüdische Studien)