Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
Einwanderungsland
Für die meisten Israelinnen und Israelis ist Israel als jüdischer Staat nicht nur Lebensmittelpunkt und Heimat, sondern auch Heimstätte der (noch) in anderen Ländern lebenden Jüdinnen und Juden. Von dieser zionistischen Grundüberzeugung ist die israelische Gesellschaft tief geprägt. In den ersten Jahrzehnten waren die großen Einwanderungswellen (ALIJOT) mit der Vorstellung vom Schmelztiegel Israel verbunden. Dieser sollte ein allmähliches Aufgehen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen in einer gemeinsamen neuen israelischen Identität zur Folge haben. Inzwischen ist diese alte Metapher durch das Bild vom Mosaik aus vielen verschiedenen Teilen abgelöst worden, aus dem sich die israelische Gesellschaft zusammensetzt. Heute ist gegenüber den Neueinwanderern (OLIM CHADASCHIM) erklärte Absicht der Integrationspolitik, die jeweils mitgebrachten Kulturen, Traditionen und Religionen zu achten und zu wahren. Alle ethnischen Gemeinschaften (EDOT) zusammen sollen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt die neue israelische Gesellschaft bilden.

Im Vergleich mit den besonders hohen Zahlen aus den Jahren 1990 bis 2001 ist die Anzahl der Einwanderungen in den letzten Jahren jedoch zurückgegangen. Von 2006 auf 2007 sank die Gesamtzahl um weitere 10 % von 21 000 auf 19 000. Die meisten OLIM CHADASCHIM kamen in diesem Zeitraum aus Äthiopien (3600), Russland (3250), Frankreich (2335), den USA (2094) und der Ukraine (1450). Die größten Schwierigkeiten bei der Integration in die Gesellschaft haben Einwanderer aus Äthiopien, die FALASCHAS genannt werden, wenn sie jüdisch, und FALASCHMURA, wenn sie judenchristlich sind.
Staatliche Programme
Die kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt der einwandernden Bevölkerungsgruppen stellt für Programme zur Ausbildung und Eingliederung von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund eine schwierige Aufgabe dar. Ein großer Teil der Neueingewanderten lässt sich nach einer ersten Übergangsphase in Eingliederungszentren (MERKASEI KLITA) in so genannten Entwicklungsstädten (AREI PITUACH) an der Peripherie des Landes nieder. In Kooperation mit zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen und internationalen zionistischen Verbänden unternimmt die Regierung intensive Anstrengungen zur Integration der OLIM CHADASCHIM in die Gesellschaft und zur Förderung weiterer Einwanderung.
Das Ministerium für Eingliederung von Einwanderern (MISRAD L’KLITAT HA’ALIJA) arbeitet durch seine Abteilung Eingliederung in die Gemeinde (KLITA B’KEHILA) eng mit den örtlichen Eingliederungskomitees zusammen. Materielle und finanzielle Hilfe wird durch eine Vielzahl von Bildungs- und Ausbildungsprogrammen ergänzt. Praktische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die aus dem Erziehungssystem und der Arbeitswelt völlig herauszufallen drohen, wird von einer Vielzahl sozialer und politisch engagierter Vereine und Initiativen geleistet. Sie werden durch die Abteilungen Jugendförderung (KIDUM NOAR), Gefährdete Jugend (NOAR B’SSIKUN) und Jugendeinwanderung (ALIJAT NOAR) im Ministerium für Erziehung (MISRAD HACHINUCH) unterstützt. Nach Untersuchungen aus dem Jahr 2007 brechen 40 % der Kinder aus eingewanderten Familien ihre schulische oder berufliche Ausbildung ab.

Folgende Auswahl ermöglicht einen Einblick in die Vielfalt von aktuellen Integrationsprogrammen für Kinder und Jugendliche:
- An den Mittelstufen (Klassen 7-9) von Schulen mit einem besonders hohen Anteil von Jugendlichen aus Einwanderungsfamilien wird im Rahmen des Gesellschaftskunde-Unterrichts das Erziehungsprogramm SCHALHEWET (Flamme) durchgeführt. Durch verstärkte Förderung der hebräischen Sprachkenntnisse soll das Selbstvertrauen gestärkt und die Voraussetzung für eine bessere gesellschaftliche Integration geschaffen werden.
- Das in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Oranim entwickelte Programm MA’AGALIM (Kreise) versucht, in einem Verständigungsprozess der Teilnehmenden über die jeweils mitgebrachten Kulturen (in Familie, Gemeinde, Volk, Staat) gemeinsame Schnittmengen zwischen eingewanderten Jugendlichen und israelischen Jugendlichen zu finden. Diese werden dann für gemeinsame Aktivitäten und Erlebnisse genutzt. Die Gespräche und Diskussionen können sich zum Beispiel um Kreise oder Schnittmengen wie Feste, Feiertage, Zeichen, Symbole, Gedenk- und Jahrestage, Filme und Lieblingsbücher drehen.
- Das Integrationsprogramm PELE richtet sich an tausende von Jugendlichen mit Eltern aus Äthiopien, dem Kaukasus und der Bukhara-Region. Es ist in Zusammenarbeit von Erziehungs- und Einwanderungsministerium entwickelt worden und wird durch die örtlichen Zentren für Kultur, Jugend und Sport (MATNASSIM) durchgeführt. Das Bildungsprogramm versucht, durch besondere Fördermaßnahmen Lernrückstände der Jugendlichen aufzuholen, um einen Schulabschluss zu ermöglichen. Der Name PELE (Wunder) ist gleichzeitig ein hebräisches Kürzel für Aktion anderes Lernen. Um das Selbstbewusstsein zu stärken, legt das Programm großes Gewicht auf Sport und Freizeitaktivitäten.
- Wenn Schulen sich an dem Lernprogramm MIRKAM (Flechtwerk) zur Förderung der Integration von Jugendlichen mit äthiopischem Hintergrund beteiligen, wirken sämtliche Schüler/-innen und Lehrer/-innen der Schule mit. Die Durchführung des vom Erziehungsministerium und dem Zentrum für Erziehungstechnologie (MERKAS L’TECHOLOGIA CHINUCHIT) entwickelten Programms liegt in den Händen von Literatur- und Sprachlehrkräften. Das Programm vermittelt Wissen um äthiopische Kultur und Traditionen und sensibilisiert für die Notwendigkeit ihrer Achtung und Bewahrung.
- Sprachkenntnisse sind die Voraussetzung für eine gelungene Integration. Deshalb legt das Lernprogramm SCHA’AL (Kürzel für SCHIPUR IWRIT L’OLIM: Verbesserung der Hebräischkenntnisse von Eingewanderten) besonderes Gewicht auf die Vermittlung von Sprache als Kommunikationsmittel und Lernwerkzeug für Jugendliche im Alltag, ohne dabei die Pflege der eigenen Muttersprache zu vernachlässigen. Das Lernmaterial ist speziell auf potentielle künftige Berufe zugeschnitten, die besondere Sprachfertigkeiten verlangen.

- Das Ministerium für Einwanderung startete 2006 in Zusammenarbeit mit der Jewish Agency for Israel und Medien ein Aktionsprogramm zur Förderung der besseren Integration von Eingewanderten aus Äthiopien. Von den etwa 100 000 Mitgliedern der äthiopischen Gemeinde sind 55 000 unter 18 Jahre alt. Die junge Generation hat es trotz abgeschlossener Ausbildung oft schwer, Arbeit in qualifizierten Berufszweigen zu finden. Das Aktionsprogramm will zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Einwanderern und Alteingesessenen (OLIM und WATIKIM) beitragen und in der israelischen Gesellschaft die Bereitschaft fördern, ausgebildeten junger Menschen aus der äthiopischen Gemeinde einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu geben.
- Der gemeinnützige Verein FIDEL engagiert sich für die Förderung von Bildung und sozialer Integration von Kindern und Jugendlichen, insbesondere aus Äthiopien. Der Verein wurde 1996 von äthiopischen Neueinwanderern und alteingesessenen Israelis gegründet, weil das Erziehungssystem nicht genügend auf die große Zahl von äthiopischen Einwanderern vorbereitet war. In Kooperation mit der Universität Haifa und der pädagogischen Hochschule Beit Berl werden Mediator(inn)en ausgebildet, die Ansprechpersonen von Jugendlichen an Schulen und von Eltern werden. Der Verein leistet Sozialarbeit für Jugendliche auf der Straße, die keinen Kontakt mehr zum Elternhaus haben und ihre Schulausbildung oder den Armeedienst abgebrochen haben.
- Kinder in Familien aus Nordamerika haben nicht selten Schwierigkeiten, sich gesellschaftlich in die israelische Gesellschaft zu integrieren, weil ihre Familien berufliche und soziale Kontakte oft auf englischsprachige angelsächsische Kreise konzentrieren. Ein relativ hoher Prozentsatz nordamerikanischer Einwanderer entschloss sich in der Vergangenheit, Israel wieder zu verlassen. Dies traf nach Statistiken des israelischen Innenministeriums für ein Viertel der OLIM aus Nordamerika zu, die seit 1989 ins Land kamen. Die zur Unterstützung von Einwanderern aus Nordamerika gegründete Initiative Von Mensch zu Mensch (NEFESCH B’NEFESCH) hat mit ihren Aktivitäten zur persönlichen Betreuung einzelner Familien großen Erfolg. 99 % der seit 2002 gekommenen 7000 Erwachsenen und Kinder sind geblieben.
Linkwww.israel21c.org/social-action/jerusalem-invests-millions-in-arab-schools Artikel über das Investitionsprojekt in arabische Schulen (in Englisch), gesehen 16.10.2011
Armeeprogramme
In der Verantwortung des Ministeriums für Sicherheit (MISRAD HABITACHON) richten sich verschiedene staatliche Ausbildungs- und Bildungsprogramme an sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Im Rahmen ihres Militärdienstes erhalten Wehrpflichtige die Möglichkeiten, bisher mangelnde Ausbildung zu vervollständigen, sich durch Sprachkurse oder allgemein bildenden Unterricht zu qualifizieren und spezielle Hilfe zum Erreichen von Schulabschlüssen in Anspruch zu nehmen. Das Erziehungskorps (CHEL CHINUCH) der Armee unterstützt mit seinen Aktivitäten vor allem junge Einwanderer aus den GUS-Staaten und aus Äthiopien. Mitglieder der so genannten Jugendtruppen (GDUDEI NOAR) leisten in Entwicklungsstädten und in besonders dafür eingerichteten Militärlagern soziale und pädagogische Arbeit mit Jugendlichen. Mit vergleichbarem Engagement unterstützen junge religiöse Soldatenlehrerinnen (MOROT CHAJALOT) örtliche Integrationsprogramme in Schulen, religiösen Internaten, Gemeindezentren und sozialen Brennpunkten.

FremdarbeiterIn Israel leben mehr als eine Viertelmillion so genannte Fremdarbeiter (OWDIM SARIM), zu deren Familien zigtausende von Kindern und Jugendlichen gezählt werden. Sie stammen vor allem aus Rumänien, Thailand und den Philippinen und leben zum Teil bereits seit vielen Jahren im Land. Die meisten besitzen keine offiziellen Papiere. In der israelischen Öffentlichkeit wird diskutiert, wie die Zahl der Fremdarbeiter drastisch zu reduzieren ist und wie vor allem deren Familien in Israel mit einem Mindestmaß an Gesundheitsfürsorge und Schulausbildung versorgt werden können. Das Parlament verhandelt Gesetzentwürfe, die in Zukunft in Israel geborenen Kindern die Möglichkeit einer Einbürgerung eröffnen sollen.
Flüchtlinge aus Afrika
Auch in Israel hat die Zahl der Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern zugenommen. Vor allem aus dem Sudan rettet sich eine zunehmende Anzahl von Flüchtlingen vor dem Bürgerkrieg im eigenen Land über die ägyptische Sinai-Halbinsel nach Israel. Etwa 10 000 Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern haben bisher Zuflucht in Israel gefunden. Sie werden unter schwierigen Lebensbedingungen in Auffanglagern untergebracht. Vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen vieler Israelinnen und Israelis aus Zeiten der Verfolgung und Flucht wird über die Situation der afrikanischen Flüchtlinge und die Frage der Legalisierung ihres Aufenthaltes im Land besonders heftig debattiert.
Links
www.iaic.org.il/Home - ISRAELI ASSOCIATION FOR IMMIGRANT CHILDREN (IAIC, Hilfe für Kinder in Einwanderfamilien)
www.orr-shalom.org.il - OR SCHALOM (Wohnprojekt für gefährdete Jugendliche aus Einwandererfamilien)
www.iba.org.il/reka/ - REKA (Programm des staatlichen israelischen Rundfunks KOL ISRAEL für Neueinwanderer)
www.macom.org.il/todaa-NGOs-report-2005.asp - Bericht des MACHON TODA’A-Awareness Center über Prostitution und Menschenhandel in Israel
www.yeminorde.org - YEMIN ORDE (Jugenddorf für Kinder aus eingewanderten Familien)
brookdale.jdc.org.il/files/PDF/27es-space-eng.pdf - The Ethiopian National Project: An Evaluation Study of the SPACE Program – Scholastic Assistance, Youth Centers 2005-2007


