Überblick über die Strukturen der Jugendverbandsarbeit

In der israelischen Jugendarbeit nehmen die großen Jugendbewegungen (TNUOT NOAR), landesweite Jugendverbände verschiedener Traditionen und Strömungen, eine zentrale Funktion wahr. Zigtausend Jugendliche engagieren sich in Jugendverbänden, leisten einen freiwilligen Beitrag für die Gesellschaft und übernehmen persönliche Verantwortung als Gruppenleiter oder Gruppenleiterin. Von den Kindern im Grundschulalter sind 20 % Mitglieder in einer Jugendbewegung. Vor allem die Pfadfinderbewegung (HAZOFIM) ist in den letzten Jahren stark gewachsen und konnte ihre Mitgliederzahl von 1997 bis 2003 um 60 % steigern - von 38 000 auf 60 000.

Die Jugendbewegungen bieten ihren Mitgliedern soziale Kontakte, Gelegenheiten der Begegnung zwischen Jungen und Mädchen, Möglichkeiten intensiver Kommunikation mit einen Austausch von Informationen und Standpunkten. Durch Seminare, Kurse und vielfältige Freizeitaktivitäten werden Möglichkeiten geschaffen, tiefe und bleibende Freundschaften zwischen Jugendlichen aus Städten und Dörfern, Kibbuzim, Entwicklungsregionen und Siedlungen zu schließen und Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen und Schichten zusammen zu führen.

Blau-glebes Logo mit Schriftzug des Rates der Jugendbewegungen. Quelle: Council of Youth Movements in Israel, CYMI

Die großen landesweiten Jugendverbände Israels haben sich im Rat der Jugendbewegungen (MO’EZET TNUOT HANOAR, hebräisches Kürzel: MATAN, Englisch: Council of Youth Movements in Israel, CYMI) zusammengeschlossen. Der Rat wurde 1974 als von der Regierung unabhängiger gesetzlich anerkannter Dachverband der Jugendbewegungen gegründet. Er dient als koordinierendes Forum der Mitgliedsverbände und als Interessenvertretung nach außen. Der Rat versteht sich als überparteiliches Gremium, das die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Mitgliedsorganisationen und ihre jeweilige politische Ausrichtung respektiert. Im Rat entwickeln die Mitgliedsorganisationen gemeinsam jugendpolitische Programme und stehen darüber mit Politik und Gesellschaft in einem ständigen Dialog. Zu den Aufgaben des Rates gehören das zentrale Organisieren von Ausflügen, Sommerlagern, Gedenkstättenfahrten nach Polen und andere von den Mitgliedsverbänden gemeinsam getragener Unternehmungen. Teil dieser Arbeit ist auch die Beschäftigung mit Fragen der Sicherheit und Gesundheit der Teilnehmenden. Der Rat publiziert Schriften und Materialien zur Begleitung der praktischen Jugendarbeit. Seine Mitglieder setzen sich aus den Vorsitzenden der Mitgliedsverbände zusammen. Die Geschäfte führt ein von den Mitgliedern des Rates gewählter hauptamtlicher Generalsekretär. Der Rat ist dem Amt Gesellschaft und Jugend (CHEWRA WENOAR) im Erziehungsministerium zugeordnet und wird von dort fachlich und finanziell unterstützt. Darüber hinaus finanziert er sich durch Zuwendungen der Jewish Agency for Israel und Beiträge der Mitgliedsorganisationen. Das Amt fördert die Zusammenarbeit der Jugendbewegungen untereinander und mit den Jugendämtern der Gemeindeverwaltungen. Auf örtlicher Ebene sind Jugendverbände in den Jugendräten (MOAZOT TNUOT NOAR) der jeweiligen Gemeinde organisiert.

Begegnung sozialistischer und religiöser Jugend. Foto: Website HAMACHANOT HAOLIM

Die Gesamtheit der Jugendbewegungen in Israel zeigt eine große Vielfalt in Bezug auf ihre jeweilige politische Einstellung (sozialistisch, national, liberal) oder religiöse Orientierung (nationalreligiös, reformjüdisch, ultrareligiös, muslimisch, christlich). Zum größten Teil unterhalten sie starke personelle und finanzielle Bindungen zu etablierten Institutionen in Gesellschaft und Politik (Parteien, Gewerkschaften, Kibbuzbewegung, religiöse Verbände). Darüber hinaus pflegen sie enge Beziehungen zu gleich gesinnten Jugendbewegungen im In- und Ausland. Sie zählen zu den aktivsten politischen Verbänden in Israel. Zentrale gemeinsame Prinzipien der Jugendbewegungen sind Freiwilligkeit (WOLUNTARIUT), praktisches Handeln (ASSIJA), anspornendes persönliches Beispiel (DUGMA ISCHIT) und ein starkes Gemeinschaftsgefühl (SCHAJACHUT). Sie pflegen gemeinsame Werte und Identifikationsmöglichkeiten mit gesellschaftlichen und nationalen Zielen. Durch Freizeitaktivitäten, Schulungsprogramme und sozial-politisches Engagement wird das Selbstbewusstsein gestärkt und die Bereitschaft zu gemeinschaftlichem Handeln gefördert. Jugendbewegungen engagieren sich besonders in sozialen Projekten mit eingewanderten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Ihre Mitglieder stellen einen hohen Anteil in der Kämpfenden Pionierjugend (NACHAL) mit einer Kombination aus militärischem und zivilem Dienst. Aus den Reihen der Jugendbewegungen kommt ein großer Teil der Freiwilligen des Dienstjahres (SCHNAT SCHERUT) und des Nationalen Dienstes (SCHERUT LE’UMI).

Arbeitende Jugend vor dem Denkmal für das jüdische Ghetto in Warschau. Foto: Website HANOAR HAOWED

Die Wurzeln der meisten israelischen Jugendbewegungen gehen auf zionistisch orientierte Jugendverbände im Europa der Zeit vor und während des 2. Weltkrieges zurück und lassen sich zum Teil über 90 Jahre zurückverfolgen. Die Bewegungen beanspruchten damals  eine spezifisch jüdische Reaktion auf die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisen der Zeit zu sein. Sie sahen sich in Opposition zu etablierten Verbänden und Parteien des jüdischen Establishments. Der Einsatz sozialistischer und religiöser Jugendbewegungen für eine legale - und nach dem Einwanderungsverbot durch die britische Mandatsmacht auch ‚illegale’ - Einwanderung nach Israel durch Organisierung von Ausbildungslagern in Europa zur Vorbereitung (HACHSCHARA) auf die Einwanderung und ihr politischer und bewaffneter Widerstandskampf gegen Nazi-Deutschland sind noch heute zentrale Bestandteile ihres Selbstverständnisses. Die Vernichtung der jüdischen Gemeinden in Europa durch die Deutschen und ihre Verbündeten während des 2. Weltkrieges war auch das Ende der dortigen jüdischen Jugendbewegungen. Die meisten der Überlebenden konnten sich nach Israel retten. Jugendverbände in Israel sind bis heute sichtbar von bündischen Traditionen aus Europa wie der Wandervogel-Bewegung und der Pfadfinderbewegung beeinflusst. Aktivitäten und Atmosphäre israelischer Jugendbewegungen werden durch Verbundenheit mit Natur, Wanderungen, Lieder, Volkstänze, das Tragen einer eigenen Kluft und ein gewisses Pathos geprägt. Viele Israelinnen und Israelis sind so sozialisiert. Auch wenn einige Elemente dieser Traditionen heute in Teilen der Jugend als anachronistisch empfunden werden, prägen sie weiter in hohem Maße Ziele und Formen der Jugendarbeit und sind lebendige Bestandteile eines Teils der israelischen Jugendszene geblieben.

In der Geschichte der Jugendverbände lassen sich drei Phasen ausmachen. Die erste wurde durch die Generation der sozialistischen Einwanderung in vorstaatlicher Zeit geprägt - mit idealistischem Pioniergeist, Protestbewegungen und entschiedener Abgrenzung von Werten und Traditionen der alten Generation und des „Establishments“. Darauf folgte eine zweite - politische - Phase des Bemühens, sich mit anderen Kräften zu verbünden, um das neu entstehende Israel mit vereinten Kräften sichern und gestalten zu können. In dieser Zeit wurden aus Bewegungen Organisationen, die sich den bereits etablierten politischen Parteien und Gewerkschaften zuordneten oder diese selbst gründeten. In der dritten Phase orientierten sich Jugendbewegungen nüchtern an Realitäten und verstanden sich selbst als integrierte und tragende Stützen der Gesellschaft.

Die meisten Jugendverbände betonen bis heute ihre Funktion als Pioniere (CHALUZIM) beim Aufbau einer besseren Gesellschaft und sind stolz auf ihre führende Rolle in der Geschichte der zionistischen Bewegung. Ihr Beitrag bei der Verbreitung zionistischer Ideale, beim Aufbau des jüdischen Staates, seiner landwirtschaftlichen Besiedlung und militärischen Verteidigung, sichert den Jugendbewegungen bis heute eine zentrale Position in der außerschulischen Erziehungs- und Bildungsarbeit. Das Zusammenwirken von staatlichen Stellen und Jugendbewegungen wurde von der israelischen Regierung im Jahre 1959 offiziell anerkannt und institutionalisiert. Die Verbände können seitdem direkt in Schulen um Nachwuchs werben.

Mitglieder des arabischen Jugendverbandes BALADNA. Foto: Website BALADNA

In sozial benachteiligen arabischen Gemeinden, die häufig kein eigenes örtliches Zentrum für Kultur, Jugend und Sport (MATNASS) haben, ist Jugendverbandsarbeit besonders wichtig. Die Jugendarbeit kann sich dort in der Regel weniger als vergleichbare jüdische Verbände auf ein etabliertes Netzwerk von Förderkreisen im In- und Ausland stützen. Eigenständige arabische Jugendverbände wie zum Beispiel die Arabische Jugend (Hebräisch: HANOAR HA’ARAWIT) versuchen, lokale Jugendarbeit aufzubauen und weiterzuentwickeln. Dabei werden sie vom Ministerium für Erziehung, lokalen Behörden und anderen Jugendverbänden unterstützt.

Vor allem die zionistische Arbeitende und Lernende Jugend (HANOAR HAOWED WEHALOMED) bemüht sich um jüdisch-arabische Koexistenz und um Integration arabischer Jugendlicher in ihre Programme. Arabische Jugendliche stellen etwa 20 % ihrer Mitglieder. Die Verbandsstruktur verfügt über eine Arabische Abteilung, etwa 25 Ortsgruppen arbeiten in arabischen Gemeinden. Auch die israelischen Pfadfinder (HAZOFIM) verfügen über arabische Unterverbände für arabische (muslimische, christliche, drusische) Kinder und Jugendliche.

Eine dominierende Rolle in der politischen Jugendarbeit spielen neben den landesweiten Jugendbewegungen (TNUOT HANOAR) die Jugendorganisationen der politischer Parteien, der Gewerkschaften, der Kibbuzbewegungen und der religiösen Verbände. Noch vor der Staatsgründung zur Zeit des britischen Mandats hatten bereits fast alle Parteien im Land eigene Jugendbewegungen. Bis heute prägen unterschiedlich ausgerichtete, miteinander konkurrierende oder kooperierende Jugendverbände die bunte parteilpolitische Landschaft Israels. Dazu kommt eine Vielzahl unabhängiger Organisationen und Bildungseinrichtungen in freier Trägerschaft.

Mit Veränderungen in der israelischen Gesellschaft haben sich im Laufe der Jahre auch Inhalte und Strukturen der Jugendarbeit entwickelt. Heute ist es schwieriger als in den 50er und 60er Jahren, Bedürfnisse und Interessen Jugendlicher ohne weiteres in Einklang mit pädagogischen, politischen oder religiösen Zielen der Jugendverbände zu bringen. Die Jugendbewegungen versuchen, durch neue Programme, innovative Ideen und Methoden, auch durch Anpassung an Vokabular und Jargon heutiger Jugendlicher neue Mitglieder zu gewinnen. Die Kleiderordnung ist lockerer geworden, in vielen Gruppen der ZOFIM (Pfadfinder) zum Beispiel wird nicht mehr auf das ständige Tragen khakifarbener Uniformen bestanden.

Der gesellschaftliche Einfluss der Kibbuz- und Arbeiterbewegungen, mit denen viele Jugendbewegungen traditionell stark verbunden sind, ist insgesamt zurückgegangen. Der verminderten Rolle der sozialistisch und säkular geprägten Kibbuz- und Arbeiterbewegung entspricht ein stärkerer Einfluss religiöser und national orientierter Jugendverbände. Noch immer stellt ein von Pioniergeist geprägter Einsatz von Freiwilligen bei der Erschließung und Besiedlung des Landes in Kibbuzim und in Siedlungen ein traditionelles Betätigungsfeld dar. Doch bildet gesellschaftliches Engagement in sozialen Brennpunkten und Entwicklungsstädten heute bereits den Schwerpunkt der Freiwilligenprogramme in den meisten Jugendbewegungen.

Laufgruppe der religiösen Jugendbewegung ESRA. Foto: Website ESRA

Aufgrund der angespannten politischen Situation zeigt sich in den vergangenen Jahren in Teilen der Jugendbewegungen ein Trend zu exklusiverem, weniger pluralistischem Denken und einer gewissen Radikalisierung politischer Positionen. Zum Beispiel in Bezug auf das Verhältnis zwischen religiösen und säkularen Bevölkerungsgruppen oder in Bezug auf eine denkbare Regelung des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Vor allem im national-religiös orientierten BNEI AKIWA-Verband (Söhne Akiwas) und im sozialistisch ausgerichteten HASCHOMER HAZA’IR-Verband (Junger Wächter) ist eine zunehmende Politisierung der Mitglieder zu beobachten. Durch diese Entwicklung werden politisch unterschiedlich orientierte gesellschaftliche Gruppierungen eher auseinander als zusammen gebracht. Zur Minderung der polarisierenden Tendenzen wird den Jugendbewegungen bisweilen eine größere Distanz zur Parteipolitik und eine engeren Bindung an die Regierung durch verstärkte staatliche Förderungen nahe gelegt.

Insgesamt nimmt das Gewicht traditioneller landesweiter Jugendverbände ab und wächst die Bedeutung lokaler Gemeindestrukturen mit Jugendzentren und Jugendklubs. Der Trend zu stärkerer Individualisierung und Ich-Bezogenheit unter Jugendlichen ist auch in der Jugendverbandsarbeit Israels spürbar. Er zeigt sich in wachsender Distanz Jugendlicher zu Großorganisationen. Außerhalb der Großverbände hat sich eine Fülle unabhängiger Jugendgruppen und Initiativen entwickelt. Immer mehr junge Menschen organisieren Freizeit und gesellschaftliches Engagement, ohne Mitglieder in Jugendverbänden zu sein.

Überregionale Jugendverbände

Die Mitgliedsorganisationen im Rat der Jugendbewegungen (siehe Überblick über die Strukturen der Jugendverbandsarbeit) vertreten mehr als 250 000 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren und etwa 20 000 Jugendleiter/-innen. 30 % der über 1400 Ortsgruppen arbeiten in Entwicklungsstädten und sozial benachteiligten Wohngegenden. Die einzelnen Verbände definieren sich politisch, weltanschaulich und religiös sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen eine an der israelischen Unabhängigkeitserklärung orientierte Grundhaltung. Die meisten Jugendbewegungen orientieren sich an etablierten politischen Parteien und Organisationen.

Mitgliedsorganisationen im Rat der Jugendbewegungen sind:

Informationen zur Entstehung, Ziele und Arbeitsschwerpunkte der einzelnen Mitgliedsorganisationen im Rat der Jugendbewegungen hier...