Kultur und Lebensformen

Jugendliche in Japan. Foto: G. Wolfsgruber

Die Zahl der japanischen jungen Menschen bis 34 Jahre betrug nach vorläufigen Schätzungen im März 2009 46 690 000. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind das etwa 36,59 %.

Die Familie spielt in der japanischen Gesellschaft traditionell eine große Rolle. Sie ist eine selbstständige Einheit (auch wirtschaftlich), der sich die einzelnen Mitglieder unterzuordnen haben. Bis in die jüngste Vergangenheit lebten (vor allem auf dem Land) mehrere Generationen einer Familie unter einem Dach zusammen. In der letzten Zeit übernahm dann das Unternehmen mehr und mehr die Rolle der Familie. Der Japaner absolviert in einem Unternehmen seine Ausbildung und gehört diesem dann bis zu seiner Pensionierung an. Doch auch dieses Bild beginnt sich zu verändern. Die Jugendkulturen und Lebensformen der jüngeren Generation, insbesondere in den Großstädten, nähern sich mehr und mehr den denen in Westeuropa oder in den USA an.

Das Leben der jungen Japaner/innen ist im Wesentlichen von der Schule geprägt, in der sie einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Oft wird von einer Jugend-Schul-Kultur gesprochen. Nur in wenigen Ländern hat die Schule einen derartigen Einfluss auf die Sozialisation der Kinder und Jugendlichen.

American street look ist in. Copyright Andrew Gray

Die meisten japanischen Kinder und Jugendlichen sind in der Regel bis zum späten Abend mit schulischen Aktivitäten wie Hausaufgaben, Schulsportaktivitäten, Nachhilfekursen, etc. beschäftigt. Und auch an den Wochenenden stehen überwiegend schulische Aufgaben neben dann noch zu erledigenden familiären Dingen im Vordergrund. Sogar in den Ferien spielt die Schule häufig noch indirekt eine Rolle. Viele Schulen bieten über ihre Clubs ein umfangreiches Ferienprogramm an, was angesichts des Mangels an Spielraum in den oft kleinen Wohnungen und engen städtischen Wohngebieten dankbar angenommen wird. Auf diese Weise verläuft die Entwicklung der Jugendlichen fast ausschließlich in einem von Erwachsenen vorgegebenen und überwachten Rahmen.
(Quelle: Der Text ist teilweise angelehnt an einen Artikel aus der Olympischen Jugend, Zeitschrift der dsj, Schorndorf 42 (1997), Heft 1, S.10ff.)

Die akademischen Fähigkeiten japanischer Schüler/-innen sind in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. In der PISA-Studie 2003 belegten die teilnehmenden 4700 japanischen Schüler/-innen in Mathematik den 6. Platz (2000: 1. Platz in Mathematik), während sie in Naturwissenschaften den 2. Rang verteidigen konnten. Beim Leseverständnis fielen die sie von Platz 8 auf Platz 14 zurück. Japan hatte hier von allen beteiligten Ländern den stärksten Leistungsabfall zu verzeichnen. Ein Grund dafür könnte die im 2002 eingeführte verringerte Stundenzahl für Japanisch sein. Experten von der Universität Tokyo sehen einen zunehmenden Zusammenhang zwischen dem Bildungshintergrund und der beruflichen Karriere der Eltern und den akademischen Fähigkeiten ihrer Kinder.
(Quelle: Japan Brief, FPC Nr. 0456, 13.12.2004; www.botschaft-japan.de, 18.3.2005)

Shinto-Hochzeitsprozession. Copyright Andrew Gray

Werte wie die Ehe werden von jungen Japaner/-innen immer weniger geschätzt. Ende der Neunzigerjahre waren fast 90% der 20- bis 24-Jährigen nicht verheiratet, bei den 25- bis 29-Jährigen waren es rund 50%. Außerdem entscheiden sich viele junge Japaner/-innen dafür, immer später oder gar keine Kinder zu bekommen. Dies hat erheblich Folgen für die japanische Gesellschaft.

Seit Mitte der Achtzigerjahre fallen viele junge Japaner/-innen durch ein problematisches Sozialverhalten auf. Dazu gehören Gewalt gegen das Lehrpersonal und gegen Mitschüler/-innen sowie die Schikanierung von Mitschüler/-innen. In der Schule wurde versucht, durch frühes und hartes Eingreifen diesem Verhalten entgegenzuwirken. Verängstigten Schüler/-innen wurde verstärkt schulpsychologische Hilfestellung angeboten.

Außerhalb der Schule fielen gegen Mitte/Ende der Neunzigerjahre junge Mädchen dadurch auf, dass sie mit älteren Männern ausgingen und teilweise mit ihnen schliefen und dafür Geld oder Geschenke entgegennahmen. Seit einigen Jahren kommt es zu brutalen Raub- und Mordtaten an älteren Männern, auch als Jagd auf Opis (oyajigari) bekannt. Vornehmlich ist hier die Altersgruppe der 15- bis 17-jährigen jungen Männer involviert.

Japans Jugendliche sehen sich immer stärker der Möglichkeit, aber auch dem Zwang gegenüber, ihre Biografie selbst zu gestalten und sich eigene Lebensräume zu schaffen, Lebensstile zu entwickeln, Werte oder Rollen zu testen sowie Freiräume zu nutzen.
(Quelle: Sinkende Kinderzahlen in Japan. Schlaglichter aus jugendsoziologischer Sicht. Von Manuel Metzler, In: Japan aktuell 1/2005)

Beschäftigung und Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote in Japan ist im Vergleich zu europäischen oder amerikanischen Werten immer relativ niedrig. Das hängt unter anderem mit der weit verbreiteten und traditionell verankerten Bindung der Arbeitnehmenden an ein Unternehmen zusammen. Japanische Arbeitnehmende, die einmal eine Ausbildung in einem Unternehmen absolviert haben, werden nicht ohne weiteres entlassen. In den letzten Jahren ist diese Tradition leicht ins Wanken geraten, da die japanische Wirtschaft mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Die stabilen Arbeitslosenquoten von um die 3% waren nicht mehr zu halten.

Aktuelle Zahlen (Dezember 2006) weisen eine Gesamtarbeitslosigkeit von 2,75 Millionen Männern und Frauen aus. Die Zahl der arbeitslosen jungen Japaner/-innen (15- bis 34-Jährige) liegt bei 1 270 000 (Dezember 2005: 1 390 000) und damit bei etwas über 46%.
(Quelle: Statistics Bureau & Statistics Center of Japan, www.stat.go.jp/english/www.stat.go.jp/english/data/roudou/154.htm 27.2.2007

Nach einer Studie des Kabinettbüros bemüht sich das Gros der arbeitslosen jungen Japaner/-innen gar nicht um Arbeit. Die Anzahl der als so genannte NEETs ("ohne Beschäftigung, Ausbildung oder Fortbildung" [not in employment, education, or training]) bezeichneten jungen Leute, und die zu einem wichtigen gesellschaftlichen Thema geworden sind, weil sie weder arbeiten noch studieren, ist 2004 auf nunmehr 520 000 gestiegen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, setzt die japanische Regierung Maßnahmen wie so genannte Boot Camps ein, wo den nichtarbeitswilligen jungen Leuten in drei Monaten Grundlagen der Selbstdisziplin, Ethik und Arbeitsetikette vermittelt werden. Außerdem sollen sie Unterstützung bei der Suche nach Arbeit erhalten.
(Quellen: The Japan Times vom 11.9.2004, www.japantimes.co.jp/cgi-bin/getarticle.pl5, 26.10.2004; The Japan Times vom 10.9.2004, www.japantimes.co.jp/cgi-bin/getarticle.pl5, 26.10.2004)

Mit der sinkenden Kinderzahl sinkt auch die Zahl junger Arbeitskräfte in Japan. Nach Angaben des Japan Productivity Center wird die arbeitsfähige Bevölkerung unter 30 Jahren im Jahr 2010 bei etwa 12,3 Millionen liegen (1997: 16,39 Millionen). Mit der Abnahme der jungen Arbeitskräfte verändert sich auch ihre Einstellung zur Arbeit. Viele junge Menschen neigen inzwischen dazu, sich nicht mehr lebenslang einer Firma zu verpflichten. Junge Menschen, die Arbeit finden, kündigen relativ früh nach ihrer Einstellung, ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz zu haben. Oberschüler/-innen gehen in zunehmendem Maße gar kein festes Beschäftigungsverhältnis mehr ein, sondern arbeiten auf Basis kurzfristiger Jobs oder Honorarverträge. Die Anzahl dieser so genannten Freeter lag nach Schätzungen 2003 bei ungefähr zwei Millionen, das sind doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Sweet Liberty. Copyright Andrew Gray

Viele große Unternehmen versuchen inzwischen, viel versprechende junge Arbeitskräfte frühzeitig auszuwählen, möglichst schon im Grundstudium. Vermehrt bieten Betriebe Praktika für Studierende an. 2003 wurde seitens der Regierung der Plan zur Ermunterung zur Eigenständigkeit für junge Menschen (wakamono jiritsu chôsen puran) beschlossen. Darin sind Flexibilisierungen vorgesehen, die die Schulen von ihrer Vermittlungsaufgabe entlasten, den Arbeitsmarkt beleben und berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen sollen. Damit soll eine bessere Abstimmung zwischen Bewerberprofilen und Unternehmensanforderungen erreicht werden.
(Quelle: Sinkende Kinderzahlen in Japan. Schlaglichter aus jugendsoziologischer Sicht. Von Manuel Metzler, In: Japan aktuell 1/2005)

Kriminalität

Generell ist die Kriminalitätsbelastung in Japan im Vergleich zu anderen Industrieländern gering, das gilt auch für die Jugendkriminalität.

Jugendliche Straftäter/-innen sind Jugendliche zwischen 14 und 19, denen nach polizeilichen Ermittlungen die im Strafgesetzbuch definierten Verstöße zugeschrieben werden (2004: 134 847 Verstöße). Spezielle Straftäter/-innen sind Jugendliche zwischen 14 und 19, bei denen von der Polizei Verstöße ermittelt wurden, die gesetzlich nicht in der Kategorie der Straftaten zu finden sind (2004: 6272 Verstöße). Statustäter/-innen sind Jugendliche unter 20, bei denen die künftige Begehung einer Straftat oder eines Vergehen gegen das Strafgesetzbuch aufgrund ihrer Persönlichkeit oder ihres früheren Verhaltens als wahrscheinlich angesehen wird (2004: 1657 Verstöße).

Personen unter 14 Jahren sind nach dem Strafgesetzbuch nicht strafmündig. Sie unterliegen dem Jugendwohlfahrtsgesetz. In den meisten Situationen verweist die Polizei den Fall an ein Kinderberatungszentrum, dass dann beschließt, ob der Fall an ein Familiengericht abgegeben oder der/die Jugendliche direkt in eine Einrichtung des Jugendstrafvollzugs eingewiesen wird.

Jugenddelinquenz wird gemäß den Statistiken der japanischen Polizei in folgende vier Kategorien gefasst:

  • Eigentumsdelikte,
  • Betäubungsmittelmissbrauch,
  • Bandenwesen,
  • Gewalttaten.

Bei den Gewaltdelikten war bis Mitte der Neunzigerjahre ein stetiger Rückgang zu beobachten. Seitdem zeigt sich eine stetige Verschärfung und auch Brutalisierung jugendlicher Kriminalität. Die Bekämpfung der Jugendkriminalität ist in Japan bisher einzig Aufgabe der Jugendpolizei. Diese verstärkte mit ihren rund 60 000 ehrenamtlichen Jugendhelfern ihre Kontrollaktivitäten. Im internationalen Vergleich jedoch erscheint die japanische Jugendkriminalität immer noch eher harmlos. Trotzdem führte die Dramatisierung der Jugendkriminalität 2001 zur Verschärfung des Jugendgesetzes. Im Oktober 2004 wurde sogar die Herabsetzung der Strafmündigkeit auf 13 Jahre vom Justizminister vorgeschlagen. Die japanische Kriminal- und Präventionspolitik entfernt sich zusehends von einem täter- und hintergrundsorientiertem Vorgehen.
(Quellen: Sinkende Kinderzahlen in Japan. Schlaglichter aus jugendsoziologischer Sicht. Von Manuel Metzler, In: Japan aktuell 1/2005; www8.cao.go.jp/youth/english/whitepaper/2005/1-5.html, Zugriff 14.3.07; www.npa.go.jp/english/syonen1/20070312.pdf, Zugriff 14.3.07)

In 2004 hat die National Police Agency Richtlinien für umfassende Maßnahmen zur Bekämpfung von und zum Schutz vor Jugendkriminalität verabschiedet.

Weitere Informationen zu den Verstößen im Einzelnen im White Paper on Youth 2005: www8.cao.go.jp/youth/english/whitepaper/2005/1-5.html

Siehe auch Weiterführendes > Literaturhinweise > Jugend: Current Juvenile Police Policy in Japan (März 2006)

Drogen

Detaillierte Aussagen zum quantitativen Drogenkonsum japanischer Jugendlicher lassen sich nur schwer treffen. Insgesamt scheint das Problem des Drogenmissbrauchs unter Jugendlichen in Japan, ähnlich wie in vielen westlichen Industriegesellschaften auch, in den letzten Jahren zugenommen zu haben. Dies konstatiert zumindest das in Japan zuständige Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales.

Aus diesem Grund hat das Ministerium 2003 einen Fünfjahresplan zur Bekämpfung des Drogenmissbrauchs (Five-Year Strategy to Prevent Drug Abuses) aufgelegt. Dieser sieht unter anderem die Verschärfung von gesetzlichen Bestimmungen, den Ausbau von öffentlicher Gesundheitserziehung und -prävention sowie eine verstärkte internationale Zusammenarbeit vor.