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Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Anders als in Deutschland, wo Migration vor allem ein Thema der Zu- und Auswanderung ist, steht in China die Binnenmigration im Mittelpunkt von Politik, Wissenschaft und Praxis.

Schätzungen gehen davon aus, dass heute etwa 120 Millionen Menschen, dies entspricht rund 10% der chinesischen Bevölkerung, ohne festen Wohnsitz und Arbeitplatz durch das Land ziehen. Darunter sind etwa 20 Millionen Kinder und Jugendliche, die ihren Eltern von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz und von Stadt zu Stadt folgen.

Ausgangspunkt der Binnenmigration war die Lockerung des Systems der Haushaltsregistrierung (hu kou zhi du), das bis in die 1980er Jahre hinein die Bevölkerung an der freien Wahl des Wohnortes hinderte. Es war nicht erlaubt, den Ort, an dem man registriert war, zu verlassen. Doch im Zuge der landwirtschaftlichen Reformen fanden immer mehr Menschen in den ländlichen Gebieten keine Arbeit mehr. Um sich und ihre Familien zu ernähren, zogen viele (illegal) in die Städte, wo Arbeitsplätze zur Verfügung standen. Als diese illegalen Wanderbewegungen zunahmen, entschied die Regierung, Binnenmigration unter bestimmten Bedingungen (zum Beispiel zur Arbeitsplatzsuche) offiziell zuzulassen und das entsprechend Registrierungssystem zu lockern.

Die Wanderarbeiter/-innen, von denen ein großer Teil jünger als 25 Jahre alt ist, stellen die chinesische Gesellschaft vor große Herausforderungen, da sie nicht in das städtische Verwaltungs- und Soziaversicherungssystem integriert sind. Insbesondere die Situation der mit ihren Eltern mitziehenden Kinder ist problematisch, da sie infolge von weiterhin bestehenden Regelungen des hukou-Systems in der Regel weder einen öffentlichen Kindergarten noch eine öffentliche Schule besuchen dürfen. Dies ist nur den Einwohner(inne)n der jeweiligen Stadt vorbehalten. Doch ohne Schulausbildung stehen diesen Kindern kaum Möglichkeiten offen, einen Arbeitsplatz zu finden, wenn, dann handelt es sich meist um schlecht bezahlte und schlecht abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse.

Jugendsozialarbeit und Hilfen für Kinder

Zwei Kinder aus Guizhou.
Zwei Kinder aus Guizhou.Bild: sizzhot0 / pixabay.com

Der Begriff "soziale Arbeit" wird in China anders verstanden als in Deutschland. So gibt es im Chinesischen für die beiden Wörter "sozial" und "gesellschaftlich" nur eine Bezeichnung, die eher im Sinne von "gesellschaftlich" verwendet wird. Das bedeutet, dass sich Aspekte wie Gleichheit, Gleichberechtigung, Solidarität und Fürsorglichkeit nur mit zusätzlichen Begriffen wie zum Beispiel "Wohlfahrt" ausdrücken lassen. Somit haben zwar westliche Begriffe des Sozialwesens Eingang in die chinesische Sprache gefunden, doch werden sie nach chinesischem Verständnis (um)interpretiert.

Nach diesem Verständnis richtet sich soziale Arbeit in China nicht nur an "besondere Gruppen", sondern an die "normale" Bevölkerung und umfasst damit einen viel breiteren Bereich als in Deutschland. Zielgruppe der Jugendsozialarbeit in China sind demnach nicht nur Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen, sondern alle Jugendlichen.

Die Sozialarbeit im westlichen Sinne befindet sich in China noch in ihren Anfängen. Gesetzliche Grundlagen sind kaum vorhanden und auch die berufliche Ausbildung in dem Bereich ist noch in der Entwicklung. Darüber hinaus sind die Rahmenbedingungen stark durch das Entwicklungsgefälle zwischen städtischen und ländlichen Gebieten sowie den regionalen Unterschiede geprägt. Während in einigen Großstädten wie Peking, Shanghai und Kanton Tendenzen zu einer Professionalisierung der sozialen Arbeit zu beobachten sind, werden in anderen Regionen die Aufgaben der Sozialarbeit hauptsächlich von ehrenamtlichen Kräften wahrgenommen werden.

Einen umfassenden Einblick in die Sozialarbeit nach chinesischem Verständnis bietet der Text von Dr. Wei Zhang "Soziale Arbeit in China – Einführung in die Rahmenbedingungen, die Struktur und den Stand". Es handelt sich um einen Vortrag, den die Autorin auf dem 13. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag am 19.6.2008 in Essen gehalten hat. Download

Jugendsozialarbeit am Beispiel Shanghai
Aufgrund der regionalen Unterschiede soll hier beispielhaft die soziale Arbeit mit so genannten "kommunalen Jugendlichen" in Shanghai vorgestellt werden. Als "kommunale Jugendliche" werden Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren verstanden, die einen registrierten Wohnsitz in Shanghai haben und die "drei Keins" erfüllen: kein fester Arbeitsplatz, kein Schulabschluss, keine Kontrolle. Die Gruppe wird auch als "müßige Jugendliche" oder "Randjugendliche" bezeichnet. 

Für diese Zielgruppe wurden ab 2003 im Rahmen der Kampagne "Sicherheitsaufbau" und des Projektes "Für Morgen - Prävention für Jugenddelinquenz" spezielle Maßnahmen entwickelt. So gründete die Shanghaier Regierung im August 2003 das Büro für Angelegenheiten der kommunalen Jugendlichen, das in ihrem Auftrag die Umsetzung der Maßnahmen koordiniert, überwacht und evaluiert. 

Im Februar 2004 folgte die Gründung des Zentrums für die Angelegenheiten der Jugendlichen in der Yangguang-Kommune. Dabei handelt es sich um eine der wenigen nicht-staatlichen Einrichtungen, die im Auftrag der Shanghaier Regierung Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen für "kommunale Jugendliche" anbieten. Dazu gehören beispielsweise

  • Unterstützung und Hilfe bei der Arbeitssuche und der berufstechnischen Ausbildung: Gemeinsam mit dem Amt für Arbeit und Soziale Sicherung und dem Komitee der Kommunistischen Jugendliga bietet das Zentrum kostenlose Ausbildungskurse zur Berufstechnik und Arbeitsvermittlung für die Zielgruppe an,
  • Hilfe für internetsüchtige Jugendliche,
  • Hilfe für Jugendliche mit psychologischen, kognitiven und Verhaltensproblemen,
  • Hilfe für Jugendliche mit familiären und Beziehungsproblemen,
  • Hilfe für Jugendliche beim Aufbau eines sozialen Netzes und bei der Erweiterung ihrer Kompetenzen. 

Methodisch arbeitet das Zentrum für die Angelegenheiten der Jugendlichen sowohl mit Einzelfallhilfe als auch mit Gruppenarbeit. Anders als in vielen anderen Einrichtungen verfügen die Sozialarbeiter/-innen des Zentrums größtenteils über eine fachliche Ausbildung.

Hilfen für Kinder
Die chinesische Regierung verhängte 1979 die Ein-Kind-Politik. Paare, die sich an die Regelungen der Ein-Kind-Politik hielten, konnten mit staatlich garantierten Vorteilen rechnen. Beispielsweise garantierte der Staat der Familie einen Arbeitsplatz und für den Nachwuchs einen kostenlosen Platz in der Kinderbetreuung sowie kostenlose Schulbildung bis zum 14. Lebensjahr. Monetäre Anreize wie kostenlose medizinische Versorgung, Kindergeld und eine höhere Rente sollten zusätzlich die Ein-Kind-Politik intensivieren. Umgekehrt waren für Paare, die sich der Ein-Kind-Politik wiedersetzten, Sanktionen vorgesehen. Seit 2004 gibt es eine vorsichtige Lockerung der Ein-Kind-Politik.

Waisen- und Findelkinder, die zur Gruppe der "drei Keins" (hier: keine familiäre Unterstützung, keine Arbeitsfähigkeit, keine Mittel zur Lebensexistenz) gehören und meist behindert sind, werden von staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen versorgt. Zuständig für diese Einrichtungen sind die Behörden für Zivilangelegenheiten und die Basisorgane des Ministeriums für Zivilangelegenheiten auf Provinz-, Stadt- und Stadtteilebene.

Hilfen für Alleinerziehende
Infolge des Ansteigens der Scheidungsrate entstehen auch in China immer mehr Familien mit Kindern und einem alleinerziehendem Elternteil, zumeist der Mutter. Ähnlich wie Deutschland ist das Armutsrisiko der Alleinerziehenden im Vergleich zur "Normalfamilie" höher. So zeigt beispielsweise eine vom Frauenverband in Tianjin durchgeführte Studie aus dem Jahr 2008, dass es in den sechs untersuchten Stadtteilen von Tianjin 20 000 alleinerziehende Mütter gibt, von denen 60% in Armut leben.

Die arme Bevölkerung in den Städten Chinas ist berechtigt, im Rahmen des Systems der Sicherung zur Lebensexistenz (di bao) staatliche Unterstützung zu beziehen. Die gilt auch für alleinerziehende Mütter, deren Einkommen unterhalb der lokalen Armutsgrenze liegt. Zudem gibt es regionale Einrichtungen, die neben finanzieller Hilfe psychologische, gesundheitliche, soziale und berufliche Beratung anbieten. So haben beispielsweise der Frauenverband und die Entwicklungsstiftung für Frauen und Kinder in Tianjin vor kurzem die Kampagne "Sonnenschein und Liebe - Hilfsaktion für alleinerziehende Mütter mit Schwierigkeiten" ins Leben gerufen. Ziel der Kampagne ist es, alleinerziehenden Müttern mit Schwierigkeiten unter Berücksichtigung verschiedenster Faktoren zu helfen.

Quellen:

  • www.022net.com/2009/1-1/445570112251994.html
  • Luo, Guozheng; Fei, Meiping (Hrsg.): Studie zu den Methoden und Techniken der Sozialen Arbeit mit kommunalen Jugendlichen. Shanghai, 2006.
  • Zhang, Wei: Sozialwesen in China. Hamburg, 2005.
  • Zhang, Wei: "Entwicklung der Sozialberufe in China", in: CHINA aktuell. 52005.
  • Zhang, Wei: "Soziale Probleme im Transformationsprozess in China", in: Geiger, Heinrich (Hrsg.): An der Schwelle. Gesellschaft und Religion im Transformationsprozess Chinas. Bonn, 2005.
  • Zhang, Wei: "Soziale Sicherung in China", in: GVG (Hrsg.): Soziale Sicherung in China. Ein Überblick über die soziale Sicherung sowie die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit im Bereich sozialer Sicherung. Köln, 2006.
  • Zhang, Yu; Fei, Meiping: Analyse zum Prozess der Kommunalen Korrektur. Shanghai, 2005.

Hinweis: Dieses Kapitel wurde von Dr. Wei Zhang verfasst.