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Partizipation und Citizenship

Politische Bildung

Platz des Himmlischen Friedens.
Platz des Himmlischen Friedens.Bild: tangting / pixabay.com

Der Begriff "politische Bildung" wie wir ihn in Deutschland kennen, existiert in China nicht. Stattdessen wird der Begriff si xiang zheng zhi jiao yu ("ideologische politische Erziehung") verwendet. Hierbei steht das erzieherische Wirken im Vordergrund, der Vorgang des Sich-Bildens bzw. der Selbstbildung spielt eine untergeordnete Rolle.

Die Ziele der ideologischen politischen Erziehung befinden sich seit der Gründung der Volksrepublik China in einem ständigen Wandel. Die Veränderungen sind eng verknüpft mit dem sozioökonomischen Wandel sowie dem Wechsel der Führungsgeneration der Kommunistischen Partei Chinas. Gegenwärtig liegt das Ziel in der Stärkung des ideologischen und politischen Bewusstseins der Jugendlichen, was zur Bildung einer harmonischen Gesellschaft beitragen soll. Auf das Individuum bezogen dient die ideologische politische Erziehung nicht nur dem Fortkommen im Schul- und Berufsleben, sondern auch der moralischen und charakterlichen Vervollkommnung des Individuums. 

Im heutigen China beinhaltet die ideologische politische Erziehung folgende thematische Schwerpunkte:

  • Erziehung zur Weltanschauung: Theorien des Marxismus, Dialektischer Materialismus, Historischer Materialismus, Maoismus, Theorien von Deng Xiaoping, das „Drei Repräsentanten“-Konzept1 von Jiang Zemin. 
  • Erziehung zur politischen Anschauung: Grundverhältnisse in China, neuere und gegenwärtige Geschichte Chinas, Grundlinien und Politik der Kommunistischen Partei Chinas, Patriotismus, Kollektivismus, Sozialismus, Politik zur aktuellen Lage. 
  • Erziehung zur Lebensanschauung: Ideale, Lebenswerte, Stärkung des Kampfgeists. 
  • Erziehung zum Rechtsbewusstsein: Sozialistische Demokratie, sozialistisches Rechtssystem, Disziplinierung. 
  • Moralerziehung: Berufsmoral, gesellschaftliche Moral und öffentliche Ordnungen, Moral bei der Liebesbeziehung, der Ehe und dem Familienleben, Moral im Kommunismus. 

Die Hauptakteure im Bereich der ideologischen politischen Erziehung sind die Organe der Kommunistischen Partei sowie der Kommunistischen Jugendliga. Eng verknüpft und verbunden mit der Kommunistischen Jugendliga spielen auch der Allchinesische Jugendverband, der Allchinesische Studierendenverband sowie die Gruppen der jungen Pioniere eine wichtige Rolle. - Für weitere Informationen zur Kommunistischen Jugendliga und den Jungen Pionieren siehe auch das Kapitel Jugendverbandsarbeit.

Aufgrund der dezentralen Struktur der Kommunistischen Jugendliga gibt es sowohl zentral gesteuerte als auch regional bezogene Kampagnen und Projekte. Eine der typischen, regelmäßig durchgeführten Aktionen auf regionaler Ebene ist das Auszeichnen von Vorbildern: Hierbei werden in Schulen, Hochschulen und Betrieben regelmäßig "fortschrittliche" Jugendliche oder "fortschrittliche" Mitglieder der Kommunistischen Jugendliga als Vorbilder für andere Jugendliche gekürt.

Als Beispiel für eine landesweite Kampagne sind die acht Prinzipien zum Stolzsein und acht Prinzipien zum Sich-Schämen zu nennen, die Parteichef und Staatspräsident Hu Jintao in einer Rede aufstellte. Die acht Prinzipien lauten: 

  • Stolz sein auf die Liebe zum Vaterland - Sich schämen für die Gefährdung des Vaterlandes,
  • Stolz sein auf den Dienst am Volk - Sich schämen für den Verrat am Volk,
  • Stolz sein auf das Streben nach Wissenschaft - Sich schämen für die Verdummung,
  • Stolz sein auf fleißige Arbeit - Sich schämen für die Faulheit,
  • Stolz sein auf Solidarität und gegenseitige Hilfe - Sich schämen für die Schädigung der anderen zum eigenen Vorteil,
  • Stolz sein auf Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit - Sich schämen für das Vergessen der Moral zugunsten materieller Interessen,
  • Stolz sein auf Disziplin und Rechtsbewahrung - Sich schämen für die Ordnungs- und Rechtswidrigkeit,
  • Stolz sein auf den Kampfgeist - Sich schämen für Verschwendung und sinnlosen Luxus.

Verbunden mit diesen Prinzipien ist auch der Versuch einer Wiederbelebung des konfuzianischen Gedankenguts, bei dem die traditionellen Werte und die Norm der Humanität im Mittelpunkt stehen. 

Die Partizipation von Jugendlichen an politischen Entscheidungen gestaltet sich eher indirekt durch die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei bzw. der Kommunistischen Jugendliga.

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Fußnote

1. Das konzept der "Drei Repräsentanten" wurde von Staats- und Parteichef Jiang Zemin entwickelt und 2002 in den Statuten der Kommunistischen Partei verankert. Es besagt, dass die Partei "die Entwicklungsbedürfnisse der fortschrittlichen Produktionskräfte Chinas, die Ausrichtung der fortschrittlichen Kultur Chinas und die fundamentalen Interessen der breiten chinesischen Bevölkerung" repräsentiert. Mit den "Drei Repräsentanten" wurden die Ziele und Ideale der Kommunistischen Partei Chinas neu ausgerichtet und ihr Herrschaftsanspruch im beginnenden 21. Jahrhundert formuliert.

Freiwilliges Engagement

Der Bereich der Freiwilligendienste bzw. Freiwilligentätigkeit hat in den vergangenen Jahren in China deutlich an Bedeutung gewonnen. Dabei hat nicht nur die gesellschaftliche Bereitschaft und Wertschätzung für freiwilliges Engagement zugenommen sondern auch die politische Anerkennung und Unterstützung. 

Für die Freiwilligenarbeit in China ist die Fachlichkeit von Bedeutung. Es werden überwiegend Freiwillige vermittelt, die eine Fachlichkeit mitbringen, z. B. in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Recht, Agrarwirtschaft.

Häufig handelt es sich bei Freiwilligentätigkeiten um kurzfristige Einsätze, die Freiwilligen helfen dann nach Katastrophen (wie z.B. dem Erdbeben in Sichuan) oder bei Großveranstaltungen. Über 1,5 Millionen chinesische junge Freiwillige haben 2008 bei den Olympischen Spielen und den Paralympics mitgeholfen.

Die Freiwilligen werden insbesondere zu Umweltschutzprojekten oder zur Armutsbekämpfung eingesetzt. Ein populäres Beispiel im Bereich Umweltschutz ist die Mother River Protection Operation, die seit 1999 landesweit 1196 Programme unter Beteiligung von 300 Millionen jungen Freiwilligen durchgeführt hat, mit deren Hilfe eine Fläche von 412 000 Hektar aufgeforstet wurde. Ebenfalls sehr beliebt ist das seit Juni 2003 bestehende Programm Go West, das Student(inn)en für ein bis zwei Jahre in die ärmeren ländlichen Gebiete im Westen und Südwesten Chinas entsendet, damit sie dort Aufbauhilfe in Bereichen wie etwa Bildung, Gesundheit oder landwirtschaftliche Produktionstechnik zu leisten. Im Jahr 2006 waren ca. 20 000 Freiwillige im Rahmen des Programms tätig.
Für derartige Einsätze gibt es zwar kein Geld, aber eine kleine Aufwandsentschädigung. Zudem erhalten die Freiwilligen ein Zertifikat, das Vorteile im Studium bzw. bei der Arbeits- und Ausbildungsplatzsuche bietet.

Im Bereich der internationalen Freiwilligendienste fördert die chinesische Regierung derzeit vor allem die Entsendung von qualifizierten Fachkräften in Entwicklungsländer in Afrika, Südamerika und teilweise Asien. Die Zahl der Entsendungen liegt bei nur etwa 100 pro Jahr. 
Im Jahr 2002 initiierte der Allchinesische Jugendbund  den Chinese Youth Volunteers Oversea Service Plan mit der Zielsetzung, die internationale Zusammenarbeit, das gegenseitige Verständnis und die Freundschaft zwischen jungen Menschen in China in anderen Ländern zu fördern.

Im März 2011 wurde Chinas erster nationaler Verband von Organisationen der Freiwilligenarbeit, China Volunteer Association (CVA), gegründet, mit dem Ziel das Management vorhandener Ressourcen im Bereich der Freiwilligentätigkeit in China zu verbessern. An einigen Orten wurden Freiwilligenkoordinationszentren eingerichtet, die Freiwilligenverbände und -organisationen Unterstützung im Bereich des Freiwilligenmanagements sowie bei der Programmentwicklung, Finanzierung, Ressourcenmobilisierung etc. bieten. Laut Angaben der CVA gibt es in China rund 430 000 Freiwilligenorganisationen sowie 190 000 Freiwilligenservicestellen in mehr als zwei Drittel aller Städte und Bezirke sowie an rund 2000 Universitäten des Landes. Rund 50 Millionen Freiwillige stehen insgesamt zur Verfügung, darunter insgesamt 29,5 Millionen registrierte Jugendliche und junge Erwachsene.

Der Chinesische Verband Junger Freiwilliger (Chinese Young Volunteers Association - CYVA, www.chinacsrmap.org), eine Mitgliedsorganisation der Allchinesischen Jugendverbandes, ist die nationale Dachorganisation Chinas für Freiwilligentätigkeit im In- und Ausland. Mittlerweile kann er sich auf 32,8 Millionen eingetragenen Freiwillige und ein umfassendes Organisationsnetzwerk auf nationaler, Provinz-, Kreis- und Gemeindeebene stützen. 
Der Verband koordiniert verschiedene Freiwilligenprogramme mit der Zielsetzung die Motivation bei Jugendlichen zu gesellschaftlichem Engagement zu stärken, Unterstützung bei der Organisation von sozialen Diensten zu leisten und an der Schaffung einer harmonischen Gesellschaft mitzuwirken. Der Einsatz von Freiwilligen konzentriert sich insbesondere auf sechs Schwerpunktbereiche:

  • Armutsbekämpfung,
  • Gemeinwesenarbeit,
  • Umweltschutz,
  • Katastrophenhilfe,
  • Großveranstaltungen sowie
  • Freiwillige im Ausland. 


Weitere Informationen zum Thema bietet der Bericht State of Volunterism in China der Vereinten Nationen. Den kompletten Bericht in englischer Sprache finden Sie als PDF unter www.unv.org/fileadmin/docdb/pdf/2011/corporate/China%20Volunteer%20Report%202011_English.pdf

Ein weiterer Schwerpunkt der chinesischen Kinder- und Jugendpolitik ist der Bereich der Freiwilligendienste. Im Fünf-Jahres-Plan der chinesischen Regierung (2011-2015) wurde das Potenzial von sozialen Organisationen und freiwilligem Engagement zur Stärkung der lokalen Gemeinschaft hervorgehoben. Für die chinesische Regierung sind dabei drei Punkte besonders wichtig: Methode für ideologische Erziehung, Beitrag zur Entwicklung der Zivilgesellschaft und Element zur Förderung der sozialen Kompetenz der Jugendlichen. 
Die chinesische Regierung führt verschiedene Freiwilligenprogramme im Jugendbereich durch, die zum Teil vom Allchinesischen Jugendverband umgesetzt werden. Informationen zu diesen Programmen finden Sie unter www.acyf.org.cn/2009-12/25/content_3314913.htm
Insbesondere im sozialen Bereich setzt die chinesische Regierung zunehmend auf soziale Organisationen. Diese Organisationen stehen in enger Verbindung zur lokalen Bevölkerung und deren Bedürfnissen und ihre Arbeit basiert in hohem Maße auf freiwilligem Engagement. So ist freiwilliges Engagement zu einem wichtigen Motor der gesellschaftlichen Entwicklung geworden.

Quellen:

Hinweis: Dieses Kapitel wurde teilweise von Dr. Wei Zhang verfasst.