x

Schriftgröße ändern

Zum Ändern der Schriftgröße verwenden Sie bitte die Funktionalität Ihres Browsers. Die Tastatur-Kurzbefehle lauten folgendermaßen:

[Strg]-[+] Schrift vergrößern
[Strg]-[-] Schrift verkleinern
[Strg]-[0] Schriftgröße Zurücksetzen

Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Saamenfamilie in Tracht gekleidet - Foto: IJAB

Das Thema Einwanderung und migrationspolitische Fragen haben in der finnischen Öffentlichkeit und Politik erst seit den 1990er Jahren zunehmend an Relevanz gewonnen. Denn Finnland ist eher ein klassisches Auswanderungsland und blieb bis Mitte der 1980er Jahre von Zuwanderungsprozessen praktisch unberührt. Erst seit 1989 ist ein stetiger Anstieg der Zahl von Migrant(inn)en zu beobachten. Gründe hierfür waren vor allem der Zusammenbruch des sowjetischen Systems, der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft und der Beitritt zu internationalen Abkommen wie der Genfer Flüchtlingskonvention.

2007 lebten insgesamt 132 632 Ausländer/-innen permanent in Finnland. Das entspricht 2,5% der Bevölkerung, ein Anteil der im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten sehr gering ist. Die größte Gruppe der Ausländer/-innen sind russische Zuwanderer (26 205), die zweitgrößte Gruppe Esten (19 965).

Der rasche und stetige Anstieg des Ausländeranteils seit den 1990er Jahren führte zu zahlreichen Reformen in der finnischen Migrations- und Integrationspolitik. So wurde 1999 das nationale Integrationsgesetz verabschiedet, das die Integration von Ausländer(inne)n in den finnischen Arbeitsmarkt und die finnische Gesellschaft unter Aufrechterhaltung der eigenen Sprache und Kultur fördern soll. Das Gesetz legt fest, dass Asylbewerber/-innen und alle Ausländer/-innen, die Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe empfangen, verpflichtet sind, an Integrationsmaßnahmen, wie Sprachkursen, Umschulungen, Berufstraining oder Kursen über die finnische Gesellschaft und Kultur teilzunehmen. Ein besonderer Schwerpunkt des Gesetzes liegt auf bildungspolitischen Maßnahmen für ausländische Kinder und Jugendliche. Allerdings hat sich gezeigt, dass zum Teil zu wenig finanzielle Mittel zum Umsetzung des Gesetzes veranschlagt wurden.

Gemäß dem Jugendbarometer 2005 ist die allgemeine Einstellung finnischer Jugendlicher zu Migrant(inn)en und Multikulturalismus positiv. Doch trotz dieser positiven Meinung sprach sich nur eine/r von drei Jugendlichen für eine verstärkte Einwanderung aus, eine/r von vier Befragten unterstellte den Ausländer(inne)n gar, nach Finnland zu kommen, um vom Geld der finnischen Steuerzahler/-innen zu profitieren. Die Umfrage zeigte auch, dass nur wenige konkrete Kontakte zwischen finnischen Jugendlichen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bestehen. Etwa die Hälfte der Befragten hatte keine Freunde mit Migrationshintergrund und nur ein Drittel nahm an Aktivitäten teil, an denen auch Jugendliche mit Migrationshintergrund beteiligt waren.

Trotzdem gelten die meisten Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund als recht gut in die finnische Gesellschaft integriert. Dies wird vor allem auf das finnische Schulsystem zurückgeführt, bei dem alle Schüler/-innen bis zum 9. Schuljahr die gleiche Schulform besuchen. Darüber hinaus gibt es im Bereich der außerschulischen Jugendarbeit zahlreiche Angebote, die sich explizit an Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wenden. Dabei versucht man, die Jugendlichen insbesondere über attraktive Freizeitangebote und interessante Projekte zu erreichen. Mädchen mit Migrationshintergrund bilden eine besondere Zielgruppe, da sie in der Regel stärkeren Benachteiligungen ausgesetzt sind.

Die Integration von Kindern und Jugendlichen, die einen Migrationshintergrund haben bzw. einer der finnischen Minderheiten entstammen, ist auch einer der Kernpunkte des Regierungsprogramms für die Kinder- und Jugendpolitik 2007-2011. In Bezug auf diese spezifische Zielgruppe sind in dem Programm unter anderem folgende Maßnahmen vorgesehen:

  • Förderung von Gleichberechtigung und Nicht-Diskriminierung durch die Stärkung positiver Einstellungen junger Menschen gegenüber Multikulturalismus und verschiedenen Minderheiten, zum Beispiel durch die finanzielle Unterstützung entsprechender Projekte von Nichtregierungsorganisationen und Gemeinden,
  • verstärkte Einbeziehung von Themen wie Gleichberechtigung und Genderfragen in die Ausbildung von Lehrer(inne)n und Jugendarbeiter(inne)n,
  • staatliche Förderung von Jugendorganisationen, die Minderheitenkulturen bzw. Jugendliche mit Migrationshintergrund repräsentieren. Deren Aufbau wird von der Finnischen Jugendkooperation Allianssi unterstützt. Nichtregierungsorganisationen werden ermutigt, Strukturen aufzubauen, über die Jugendliche mit Migrationshintergrund motiviert werden, an Aktivitäten teilzunehmen,
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund werden ermutigt, ihre Ausbildung nach der Gesamtschule fortzusetzen. 

Es gibt zahlreiche Organisationen, die sich für die Integration von Migrant(inn)en einsetzen. Neben den Kirchen und Glaubensgemeinschaften sind dies zahlreiche Kultur- und Freundschaftsverbände sowie beispielsweise das Finnische Rote Kreuz (Suomen Punainen Risti, www.redcross.fi/en_GB).
FiMu - Suomen monikulttuurinen liikuntaliitto (www.fimu.org) ist eine Migrantenselbstorganisation im Bereich Sport.

Link
www.e-politik.de/wissenswerte/migration/ - WissensWerte – Infografiken 'Migration'

Inklusion

Finnland hat im Jahr 2007 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, bis heute erfolgte allerdings keine nationale Ratifizierung.

Dennoch ist die Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen in Finnland sehr gut und Diskriminierung seit 1997 in der finnischen Verfassung verboten. Laut Kalle Könkkölä, dem Generalsekretär des Dachverbandes der finnischen Behinderten-Organisationen, gelten in Finnland rund 250.000 Menschen (ca. 4,7% der Gesamtbevölkerung) als behindert. Menschen mit Behinderungen werden in der Regel als „Kunden“ behandelt, die gemeinsam mit staatlichen Stellen über ihre Förderung entscheiden. So entscheiden Menschen mit Beeinträchtigungen selbst über Art und Umfang der Unterstützung.

Das Järvenpää Training Centre des nationalen Behindertenverbandes befasst sich mit der Rehabilitation von Behinderten und Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und bietet dazu rund 15 verschiedene Ausbildungsgänge an, die auch nicht behinderte Menschen gern in Anspruch nehmen.

Besonders im schulischen Bereich bemüht sich die finnische Regierung in den letzten 30 Jahren um Inklusion behinderter Schüler/-innen. So wurden in diesem Zeitraum etwa zwei Drittel aller Sonderschulen abgeschafft und die Schüler/-innen weitestgehend in Regelschulklassen unterrichtet. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf erfolgt in sogenannten Tupa (finnisch für "Schutzraum"). Dort bekommen Schüler/-innen, die dies benötigen, spezielle Unterstützung. In diesem Förderunterricht wird in der Regel nur unterrichtet, was den Schüler/-innen in den Regelklassen Schwierigkeiten bereitet, nur in Ausnahmefällen findet für behinderte Kinder und Jugendliche ein Unterricht in speziellen Sonderklassen (unter dem Dach einer Regelschule) statt.

Mit der Einführung des Förderunterrichtssystems in Verbindung mit der grundlegenden Strukturreform wurde in Finnland eine Stigmatisierung von Schüler(inne)n mit Sonderbedarf von Anfang an entgegen gewirkt. Im Prinzip ist der von Sonderpädagog(inn)en phasenweise in einem Fach oder in mehreren Fächern erteilte und in der Schule durchgeführte Förderunterricht eine individuelle, kostenfreie „Nachhilfe“. Ein multiprofessionelles „Schülerpflegeteam“, das sich zusammensetzt aus Lehrpersonal und Sonderpädagog(inn)en der Schule sowie einer/einem Sozialarbeiter/-in und einer psychologischen Fachkraft, berät unter dem Vorsitz der Schulleitung, welche zusätzlichen Hilfen zur Verbesserung der Lernchancen gegeben werden müssen. Statistisch gesehen, nimmt jedes vierte Kind mindestens einmal innerhalb der ersten Schuljahre an dem Förderunterricht teil. Damit umgeht das System eine Stigmatisierung der Bezeichnung Förderschüler/-in. Diese teilintegrative Förderung hat jedoch auch Kritiker: Laut Timo Saloviita, Professor an der Universität Jyväskylä widerspricht jede Form des Unterrichts außerhalb des Klassenverbandes der Inklusionslogik.

Jugendsozialarbeit und Hilfen für Kinder

Rentierschaukelpferd im Schnee - Foto: IJAB

Die staatliche Kinder- und Jugendhilfe wird in Finnland dezentral von den Gemeinden bereit gestellt. Die lokalen Behörden sind dafür verantwortlich, entsprechende soziale Dienste und Unterstützung anzubieten. Daneben gibt es zahlreiche nicht-staatliche Träger, die sich in der sozialen Kinder- und Jugendarbeit engagieren.

Wie die anderen skandinavischen Länder gilt Finnland als weltweit führend im Bereich der Familienpolitik. Viel Geld fließt in die finanzielle Unterstützung von Familien und in Kinderbetreuungseinrichtungen. Nachdem eine tiefe wirtschaftliche Rezession in den frühen 1990er Jahren zu Einschnitten in der Familien-, Kinder- und Jugendhilfe führte, hat man sich in den letzten Jahren bemüht, die Entwicklung wieder umzukehren und stellte sehr viel mehr Geld für die Kinder- und Jugendhilfe zur Verfügung. Aber auch verschiedene Regierungsprogramme, die speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet sind, und ein neues Kinderhilfegesetz, das im Januar 2008 in Kraft trat, spiegeln die wachsende Bedeutung des Bereichs wider (siehe dazu auch das Kapitel Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit). 

Obwohl die Vorteile einer direkten Zusammenarbeit mit Kindern bekannt sind, stellt es für die finnischen Gemeinden eine große Herausforderung dar, die Beteiligung und Einbeziehung von Kindern in die Planung und Umsetzung der Kinder- und Jugendhilfe sicherzustellen. Lange Zeit gab es die Tendenz, kinderbezogene Probleme als Familienprobleme einzustufen, so dass die Maßnahmen in der Regel auf die Eltern oder die Familie als Ganzes angelegt waren. Auch wenn diese Herangehensweise sich langsam ändert, variiert die Art, wie Einrichtungen mit Kindern zusammenarbeiten bzw. nicht zusammenarbeiten recht stark. Dementsprechend variieren auch das Niveau und die Qualität der angebotenen Dienste in der Kinder- und Jugendhilfe von Gemeinde zu Gemeinde und von Region zu Region. Das neue Kinderhilfegesetz soll deshalb für mehr Gleichheit sorgen und lokalen und regionalen Behörden helfen, ihre Dienste zu standardisieren.

Parallel zur wirtschaftlichen Rezession schnellte auch die Jugendarbeitslosigkeit in den 1990er extrem in die Höhe. 1998 lag die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen bei 23,5% im Vergleich zu 11,4% Arbeitslosigkeit bei der Gesamtbevölkerung. Bis 2003 sank die Jugendarbeitslosigkeitsrate der 15- bis 24-Jährigen auf 21,8%. Heute liegt sie bei vergleichsweise niedrigen 15%, bleibt aber weiterhin eines der zentralen Probleme der Jugendarbeit.

Werkraum im Jugendzentrum in Tampere. Foto: IJAB

Als Gegenmaßnahmen baute man die bereits seit den 1980er Jahren existierenden so genannten Jugendwerkstätten (Nuorten työpajat, www.tpy.fi/in_english) aus. Sie kombinieren die Ziele und Instrumente der Jugendarbeit und der Arbeitsämter und sind mittlerweile in 200 Kommunen zu finden. Auch wenn sich das Konzept der Jugendwerkstätten über die Jahre weiterentwickelte, so ist ihre Hauptaufgabe doch immer noch, Jugendliche in den Bereichen Berufsfindung und Bewerbung zu beraten und Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten. Mittlerweile arbeiten die von Kommunen oder freien Trägern getragenen Jugendwerkstätten auch mit dem Bildungssystem und den Sozialämtern zusammen und ihre Zielgruppe ist erweitert worden. Neben Schulabrecher(inne)n, jungen Arbeitslosen und benachteiligten Jugendlichen richten sie sich an alle Personen zwischen 13 und 60 Jahre, die Beratung zur Arbeitssuche sowie zur Aus- und Weiterbildung benötigen.

Neben den staatlichen Einrichtungen gibt es zahlreiche Verbände und Organisationen, die in dem Bereich der Jugendsozialarbeit und Kinderhilfe tätig sind. Hier finden Sie eine kleine Auswahl:

Finnland ist Mitglied des European Network of Ombudsmen for Children (ENOC). In diesem Netzwerk sind unabhängige Büros für Kinder in europäischen Ländern zusammengeschlossen, die sich für die Verwirklichung der UN-Kinderrechtskonvention einsetzen. Sie unterstützen eine gemeinsame Lobbyarbeit für die Kinderrechte, tauschen Informationen und politische Strategien aus und werben für die Entwicklung effektiver unabhängiger Kinderbüros. - Informationen zum finnischen Büro unter www.lapsiasia.fi

Quellen: 

  • Finnisches Unterrichtsministerium: Jugendarbeit und Jugendpolitik, Grundinformation Jugend. Helsinki 2007
  • Hätälä, Jaana: Youth workshops in Finland. 
  • Sinko, Päivi: The New Child Welfare Act in Finland. Zum Download.
nach oben