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Ein ausländischer Freiwilliger jätet einen Fruchtbaum in einem der Obstgärten des Kibbutz Dan. Bildquelle: Ohayon Avi/National Photo Collection

Partizipation und Citizenship

Politische Bildung
Freiwilliges Engagement

Politische Bildung

Die israelische Gesellschaft ist religiös, sprachlich, kulturell und parteipolitisch sehr verschiedenartig und wird von großen sozialen Unterschieden sowie dem andauernden jüdisch-arabischen Konflikt geprägt.

Kontroversen zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens bestimmen das Alltagsleben. Kaum eine Regierungszeit dauert bis zum Ende der regulären Legislaturperiode.

Politik im Alltag

Die Wahlbeteiligung ist hoch. In den zurückliegenden vier Wahlen ist sie kontinuierlich gestiegen und lag bei den Parlamentswahlen im März 2015 mit 72,34 % so hoch wie letztmalig vor 15 Jahren. Die Identifikation mit Gesellschaft und Staat ist laut aktuellen Studien bemerkenswert hoch. Eine Umfrage des Israel Democracy Institute von 2014 ergab, dass sich 86 % der jüdischen und 65 % der arabischen Bevölkerung als „stolze“ oder „ziemlich stolze“ Israelis bezeichneten. Als Teil des Staates und seiner Schwierigkeiten fühlten sich 78 % der jüdischen und 59 % der arabischen Befragten.

Quelle
The Israeli Democracy Index 2014 - Untersuchung des Israel Democracy Institute (English) http://en.idi.org.il/media/3823043/democracy_index_2014_Eng.pdf

Bildungsprogramme

In dieser Situation kommt politischer Bildung eine wichtige Aufgabe zu. Programme für die außerschulische politische Bildungsarbeit werden vor allem vom http://cms.education.gov.il/EducationCMS/Units/noar/Amt Gesellschaft und Jugend sowie vom Amt ‚Pädagogik‘ im Ministerium für Erziehung entwickelt, das entsprechende Informations- und Lehrmaterial für zentrale gesellschaftspolitische Themen herausgibt. Näheres zu aktuellen Themenschwerpunkten siehe auch Kapitel: Kinder- und jugendpolitische Schwerpunkte und Aktionsprogramme.

Politische Bildung zielt im Allgemeinen auf eine aktive Teilnahme am sozialen und politischen Leben in Schule, Studium, Gemeinde und Arbeitsstelle, im Jugendverband sowie im Militär- oder Zivildienst. In Israel soll sie darüber hinaus zur Weiterentwicklung des jüdischen und demokratischen Staates beitragen. Die Kombination jüdischer und universeller Werte stellt eine Herausforderung dar. Allgemeine humanistische Überzeugungen mit dem Bewusstsein einer globalen Welt müssen mit einer ausgeprägten jüdischen Identität der Gesellschaft und des Staates in eine Balance gebracht werden.

Identität und Selbstbewusstsein

Der Charakter vieler jugendpolitischer Bildungsprojekte wird oft von einem starken Wir-Gefühl und der Zugehörigkeit zu einer Jugendorganisation oder zu einem informellen sozialen Netzwerk geprägt. Vor allem in Bezug auf Kinder und Jugendliche aus eingewanderten oder nichtjüdischen Familien ohne ausgeprägte jüdisch-israelische Identität ist dieser Ansatz grundlegend für eine Eingliederung in die israelische Gesellschaft.

Die 2004 gegründete Organisation Sehut (Identität) ist Dachverband von heute 32 Organisationen. Sie koordiniert die Bildungsarbeit ihrer mehr als 60 Zentren für jüdische Identität (Merkasim Le’sehut Jehudit) in allen Landesteilen. Die vor allem an Kinder und Jugendliche in nichtreligiösen Schulen und Kindergärten gerichteten Lernangebote wollen jüdisches Selbstbewusstsein stärken und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft fördern. Sie erreichen etwa 500.000 Schülerinnen und Schüler in mehr als 700 Schulen. Die Zentren arbeiten eng mit der Abteilung Religion und Kultur (Tarbut Toranit) im ‚Ministerium für Erziehung‘ zusammen, durch das ihre Programme weitgehend finanziert werden.

Einheit der Gesellschaft

Unter israelischen Jugendlichen gibt es eine deutliche Tendenz, sich enttäuscht vom als erstarrt und veraltet empfundenen gesellschaftlichem Establishment zu lösen und nach eigenen Lebenswegen zu suchen, zum Beispiel durch Abwanderung ins Ausland oder durch Anschluss an religiös inspirierte Gruppen wie die Frommenbewegung (Charedim) oder die religiöse Jugend der Siedlungsbewegung. Gleichzeitig gibt es auch Gegenbewegungen der Ablösung religiöser Jugendlicher aus ihrer bisherigen Umwelt. Politische Bildungsarbeit in Israel versucht, auf diese Tendenzen einer Entfremdung von der eigenen Familie oder Gesellschaft zu reagieren.

Aktuelle Jugendarbeit bemüht sich verstärkt um die Integration von Religion und religiöser Traditionen in die Demokratie- und Menschenrechtserziehung. Die sozialistische Jugendbewegung ‚Junger Wächter‘ (Haschomer Haza’ir) fördert mit ihrem Lernprojekt ‚Guter Kreis‘ die Gründung von örtlichen Studienzirkeln (Batej Midrasch) für Leiterinnen und Leiter der Jugendarbeit zu traditionellen hebräischen Texten. Mit Unterstützung des Schalom Hartman Instituts bieten staatlich säkulare Schulen wöchentliche Unterrichtseinheiten zu religiösen Themen an. In der Gruppe und in Form klassischer Zweier-Lerngruppen (Chawrutot) werden die hebräischen Schriften auf ihre aktuelle Bedeutung im Alltagsleben untersucht und kontrovers diskutiert.

Gewaltbereite Siedlerjugend

Eine kleine Gruppe extremistischer Jugendlicher im national-religiösen Teil der Siedlungsbewegung wehrt sich mit Gewalt und Terror gegen die Räumung israelischer Siedlungen als Folge künftiger Vereinbarungen mit der palästinensischen Regierung. Die israelischen Behörden reagieren mit Strafverfahren. In Medien und Politik wird das Versagen des Erziehungssystems beklagt und nach Bildungsprogrammen und Resozialisierungsmaßnahmen für diese religiös und politisch radikalisierten Jugendlichen gerufen, die oftmals Schulabbrecher sind und sich von den Normen der etablierten Gesellschaft losgesagt haben. Dialoggruppen bemühen sich um sie sowie um Begegnungsprogramme zwischen Gegnern und Anhängern der Siedlungsbewegung (siehe auch Kapitel: Kinder- und Jugendpolitik – Jugendarbeit – Glaubensgemeinschaftliche Angebote für Kinder und Jugendliche).

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Freiwilliges Engagement

Freiwilliges Engagement (Hitnadwut) für die Gemeinde, die Gesellschaft und den Staat hat in Israel eine lange Tradition und ist Teil der Alltagskultur.

 

Freiwilligen Dienste

Nach einer Umfrage der gemeinnützigen Organisation Ruach Towa zur Vermittlung von Freiwilligen engagieren sich 22,9 % der Bevölkerung in lang oder kurzfristigen Freiwilligendiensten und 44,5 % wollen dies in Zukunft tun. Eine Studie des Israelischen Rates für das Kind registriert in den letzten Jahren eine starke Zunahme von regelmäßigem freiwilligem Engagement von Schülerinnen und Schüler in ihren Gemeinden (17,8 % in 2004 gegenüber 46,4 % in 2011). 

Über 270 Organisationen im Land nehmen Freiwillige auf, die vor allem im Bereich von Sozial- und Gesundheitsdiensten tätig werden. Sie engagieren sich in Kindergärten und Altenheimen, Schulen, Bildungseinrichtungen und Gemeindezentren, Gefängnissen, Zivilschutzprogrammen, Rettungsdiensten, Feuerwehr, öffentlichen Bibliotheken und Gesundheitseinrichtungen sowie in Umwelt- und Tierschutzorganisationen, auch in Sicherheits- und Geheimdiensten.

Das Ministerium für Wohlfahrt und Soziales ist mit seiner Freiwilligenabteilung und die Ortsverwaltungen sind mit ihren Sozialdienstabteilungen für die Begleitung und Beaufsichtigung der Freiwilligenarbeit verantwortlich. Die verschiedenen Freiwilligenorganisationen werden vom Nationalen Rat für Freiwilligendienste koordiniert. Er fungiert als Dachorganisation der Freiwilligenorganisationen und wird von der Regierung finanziert. Der Rat unterstützt die Mitgliedsorganisationen bei der Vorbereitung und Begleitung der Freiwilligen.

Weltweit das zahlenmäßig größte Tutoring-Programm in Schulen ist der staatlich geförderte Freiwilligendienst Perach (Blume), in dem etwa 30.000 israelische Studentinnen und Studenten als persönliche Tutorinnen und Tutoren sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler betreuen. Ein bekannter großer Träger von Freiwilligendiensten ist auch der Jugendverband des israelischen nationalen Rettungsdienstes Magen David Adom (MDA - Roter Schild Davids). In seinem Jugendverband sind mehr als 7.500 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren als Mitglieder engagiert.

Zivildienste

An 18- bis 21-jährige Männer und Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zum Wehrdienst gehen (etwa 50% eines Altersjahrgangs), richtet sich das Angebot eines ein- oder zweijährigen staatlichen Nationalen-Zivilen Dienstes (Scherut Le’umi-Esrachi). Die etwa 8.000 Einsatzstellen sind zu 75 % staatliche Institutionen oder Einrichtungen, die eng mit Regierungsstellen zusammenarbeiten. Die meisten Teilnehmenden sind entweder religiöse jüdische Frauen oder junge Frauen und Männer aus der arabischen Bevölkerung, die in Israel keiner Wehrpflicht unterliegen. Im Jahr 2008 wurde eine offizielle ‚Behörde für Nationalen-Zivilen Dienst‘ geschaffen. Seit 2015 ist sie dem ‚Ministerium für Landwirtschaft‘ zugeordnet.

In den letzten Jahren ist die Anzahl der Freiwilligen stark angestiegen. Sie hat sich 2004 bis 2014 von 8.647 auf 17.051 fast verdoppelt. Die Beteiligung arabischer Freiwilliger, fast immer Frauen, hat dabei enorm zugenommen, von 240 in 2004 auf 4.157 in 2014. Arabische Teilnehmende machen zurzeit etwa ein Viertel der Freiwilligen des Nationalen-Zivilen Dienstes aus. Die Programme sind auch offen für Menschen mit Behinderungen oder straffällig gewordene Jugendliche, die nicht in die Armee eingezogen wurden.

Quelle
Behörde für Nationalen-Zivilen Dienst (Hebräisch) http://ncs.gov.il/ncs/Pages/default.aspx


Trägerorganisationen

Mehrere große Trägerorganisationen vermitteln Einsatzstellen des Nationalen-Zivilen Dienstes. Die größte und bereits vor 40 Jahren gegründete Organisation ist die Aguda Lehitnadwut (Volunteer Association), mit jährlich etwa 5.500 Freiwilligen. Sie bietet jeweils verschiedene Programmschienen für Freiwillige aus sozialen Brennpunkten, religiöse Frauen und arabische Freiwillige an. Seit über 30 Jahren vermittelt die Organisation Aminadav Freiwilligenstellen des Nationalen Dienstes an religiöse Frauen. Im Jahr 1993 wurde die Trägerorganisation Shlomit gegründet. Sie richtete sich ursprünglich besonders an säkulare Frauen, hat jedoch 2009 mit Shilat auch ein spezielles Freiwilligenprogramm für religiöse Frauen ins Leben gerufen, 2014 wurde erstmals eine Freiwilligengruppe der Transgender-Gemeinschaft in ihr Programm aufgenommen.


Nationaler Dienst im Ausland

Die Trägerorganisation Bat Amihttp://bat-ami.org.il/about-bat-ami/ wurde 1994 für Freiwilligendienste jüdischer religiöser Frauen im Nationalen-Zivilen Dienst gegründet. Heute vermittelt sie Freiwilligenstellen sowohl für religiöse und nichtreligiöse als auch für jüdische und nichtjüdische Frauen und Männer. Ein international ausgerichtetes Programm ist der Nationale Dienst im Ausland (Scherut Le’umi B’tfuzot). Israelische Freiwillige arbeiten nach Absolvierung eines nationalen-zivilen Freiwilligenjahres in Israel noch ein weiteres Jahr in jüdischen Gemeinden und sozialen Einrichtungen im Ausland. Sie versuchen, dort durch sozial-karitatives und erzieherisches Engagement Neugier für jüdische und israelische Kultur, Sprache und Religion zu wecken und die Beziehungen zwischen Israel und jüdischen Gemeinden in der ‚Diaspora‘ zu stärken.


Dienstjahr

Es gibt auch besonders engagierte israelische Freiwillige, die sich zusätzlich zum Militärdienst für ein freiwilliges soziales Jahr verpflichten. Unter der Bezeichnung Dienstjahr (Schnat Scherut) leisten wehrpflichtige Männer und Frauen nach Abschluss der Oberschule zuerst einen einjährigen Freiwilligendienst, oft in Entwicklungsstädten und sozialen Brennpunkten. In Anlehnung an die beiden hebräischen Anfangsbuchstaben (Schin) im Namen des Programms werden sie als ‚Schinschinim‘ bezeichnet. An das soziale Freiwilligenjahr schließt sich ihre Militärzeit an, dessen Beginn entsprechend aufgeschoben wird. Vor allem junge Leute aus Kibbuzim und den großen Jugendbewegungen verpflichten sich zu einem solchen Dienst, etwa 2/3 davon Frauen. Sie arbeiten in Schulen, Gemeindezentren, sozialen Brennpunkten und Feldschulen.

 

 

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