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Bildung und Beschäftigung

Bildung 
Beschäftigung

Bildung

Japanische Schriftzeichen auf Holz.
Japanische Schriftzeichen auf Holz.Bild: Monaharris / pixabay.com

Bildung findet in Japan in erster Linie im schulischen Kontext statt und ist charakterisiert durch einen ganzheitlichen Bildungsansatz. Non-formale Bildung bzw. (außerschulische) Jugendbildung ist strukturell an Schule gebunden bzw. durch die erlebnispädagogischen Programmangebote in den Bildungsstätten der National Institution for Youth Education (NIYE) stark institutionalisiert.

Die japanischen Schulen stellen hohe Anforderungen an die Schüler/-innen und das Lernen wird in der japanischen Gesellschaft sehr hoch geschätzt. In Japan gibt es seit vielen Jahren nur Ganztagsschulen. Die Klassen werden dem Prinzip der Gemeinschaft entsprechend nicht nach Leistungsfähigkeit getrennt und umfassen bis zu 40 Schüler/-innen. Im Anschluss an den regulären Unterricht finden in der Verantwortung der Schule außerunterrichtliche Aktivitäten statt, die täglich zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen. So kann der Arbeitsalltag eines Schülers / einer Schülerin bis zum Abend dauern. Soziales Lernen und freiwilliges Engagement finden in Japan vor allem im schulischen Kontext statt. Der Schullalltag hat daher einen weitaus größeren Einfluss auf das Leben junger Menschen als in Deutschland.

Das japanische Schulsystem ist am amerikanischen Vorbild ausgerichtet. Die normale Schullaufbahn dauert zwölf Jahre: sechs Jahre Elementarschule, drei Jahre Mittelschule (Junior High School) und noch mal drei Jahre Oberschule (Senior High School). Obwohl der größte Teil des Jahrgangs mitgenommen wird (fast 98 % eines Jahrgangs absolvieren diesen Weg) überragen die Schulleistungen japanischer Schüler/-innen andere im internationalen Vergleich.
In der Zusammenfassung der PISA-Ergebnisse 2009 heißt es: „In Kanada, Finnland, Japan und Korea sowie den Partnervolkswirtschaften Hongkong (China) und Shanghai (China) liegen die Ergebnisse weit über dem OECD-Durchschnitt, und die Schülerinnen und Schüler schneiden in der Regel unabhängig von ihrem Hintergrund oder der besuchten Schule gut ab.“ (Quelle: http://www.oecd.org/berlin/46580802.pdf)

Der größte Teil der Schulabsolvent(inn)en besucht im Anschluss an die Schule eine Universität, eine Fachhochschule oder eine Kurzuniversität.

Weitere Informationen zum Bildungssystem in Japan finden Sie unter www.bildung-weltweit.de

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Beschäftigung

Japan zeichnet sich durch eine vergleichsweise sehr niedrige Jugendarbeitslosigkeitsquote und eine hohe Beschäftigungsquote aus. Dennoch zeigen sich die Folgen der Wirtschaftskrise auf den Arbeitsmarkt. Während die Gesamtarbeitslosenquote in den 1970er und 1980er Jahren bei maximal 2,5 % lag, rangiert sie mittlerweile bei rund 5 %, wobei junge Menschen immer stärker betroffen sind (7,9% im Jahr 2012).
Aktuell sieht sich Japan mit seinem rasch voranschreitenden demographischen Wandel einer neuen Herausforderung gegenüber. Japans Bevölkerung altert und schrumpft; insbesondere schrumpft die Erwerbsbevölkerung.

Die japanische Arbeitswelt befindet sich im Wandel. Bislang galt eine Beschäftigung in der Stammbelegschaft eines Unternehmens als der anzustrebende Normalfall. Eine solche Einstellung erfolgte lebenslang, i. d. R. bis zu Rente - zumindest für Männer. Das immer noch propagierte Ideal der lebenslangen Bindung an ein Unternehmen ist für viele nicht mehr realistisch. Inzwischen sinkt der Anteil der lebenslang sicher Beschäftigten, befristete und atypische Beschäftigungsverhältnissen nehmen zu und die Jugendarbeitslosigkeit steigt.

Eine Folgeerscheinung am japanischen Arbeitsmarkt sind die sogenannten Freeter. (Der Begriff setzt sich zusammen aus dem englischen "free" und dem deutschen "Arbeiter") Das soziale Phänomen Freeter entstand zunächst aus dem Bestreben junger Menschen nach mehr Freiheit. Sie vertraten bis in die 1990er Jahre einen neuen Lebensstil, der auch Privatleben und Freizeit neben der Arbeit ermöglichte. Aus dieser Motivation heraus wählten sie bewusst atypische Arbeitsverhältnisse. Zunehmend wurden prekäre Beschäftigungsformen aber zu einem sozialen Problem. Freeter zu sein ist für viele kein selbst gewählter Weg mehr, sondern eine negative Folge der Veränderungen am Arbeitsmarkt. Hinzu kommt, dass Freeter im öffentlichen Ansehen inzwischen ein negatives Image haben und als Gefährdung für die japanischen Wirtschaft und soziale Sicherheit angesehen werden.
Besonders betroffen von atypischen Beschäftigungsverhältnissen sind Frauen (während jeder fünfte Mann in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis steht, trifft es für jede zweite Frau zu), ältere Arbeitnehmer/-innen und junge Berufseinsteiger/-innen. Im Jahr 2012 gab es 1.800,000 Freeters in der Altersgruppe der der 15 bis 34jährigen, was 6.6% in dieser Altersgruppe entspricht.

Als NEETs (Not in Employment, Education or Training) gelten in Japan junge Menschen, die sich weder im Bildungssystem befinden, noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen, an keiner Maßnahme der beruflichen Eingliederung teilnehmen, nicht im Haushalt tätig sind und auch nicht als arbeitssuchend gelten. In Japan werden – anders als in anderen Ländern der OECD – NEETs in der Statistik der Arbeitslosen nicht erfasst, da sie nicht als aktiv arbeitssuchend registriert sind. In der öffentlichen Wahrnehmung erfahren NEETs eine starke Ablehnung. Die Anzahl der NEETs im Alter zwischen 15 und 35 Jahren liegt bei 630, 000 (im Jahr 2012), was 2,3% in dieser Altersgruppe entspricht. 

Als Hikikomori (Rückzügler) bezeichnet man in Japan (junge) Menschen, die sich aus Überforderung und/oder aus Scham aus der Gesellschaft zurückziehen, isoliert leben und Außenkontakte vermeiden. Verständlicherweise ist es äußerst schwer, diese Menschen zu erreichen und zu erfassen. Bei den Hikikomori handelt es sich nur zum Teil um ein Jugendproblem, das Durchschnittsalter dieser Menschen liegt bei 30 Jahren. Die überwiegende Zahl (80%) der Betroffenen ist männlich. Das Phänomen ist in Japan nicht neu, dennoch spricht vieles dafür, dass die sich verschlechternden Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu einer Zunahme geführt haben.
Im Jahr 2012 lag die geschätzte Zahl der Hikikomori bei 696,000.

Sobald junge Menschen von der Hauptlaufbahn abrutschten, ist der Wiedereinstieg in die Gesellschaft sehr schwierig. Sowohl Forschung als auch Politik und Unternehmen haben sich dieser Fragestellungen angenommen. Dies belegen die Weißbücher der Regierung, in denen die Probleme offen angesprochen werden. Verschiedene Projekte und flexible Maßnahmen als Alternative zu bzw. im Anschluss an die Schule versuchen diese jungen Menschen aufzufangen, damit sie wieder den Weg in die Gesellschaft finden.

Eine Maßnahme der japanischen Regierung sind die Boot Camps, in denen jungen Leuten innerhalb von drei Monaten Grundlagen der Selbstdisziplin, Ethik und Arbeitsetikette vermittelt werden.  Außerdem sollen sie Unterstützung bei der Suche nach Arbeit erhalten.
(Quelle: Young, disinclined to work? ‘Camp’ awaits. IN: The Japan Times vom 10.9.2004)

Hilfen für NEETs und Hikikomori bieten u. a. die derzeit 116 regionalen Beratungsstellen mit dem Titel Support stations. Die vom Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Arbeit initiierten Support Stations werden von freien  Trägern, NPOs und Verbänden im Auftrag der öffentlichen Seite betrieben. Die Support Stations sind die ersten Anlaufstellen für junge Menschen (15 bis 34 Jahre) und deren Familien, wenn sie den Schritt in die Erwachsenenwelt bzw. Arbeitswelt nicht schaffen. 9 von 10 jungen Menschen, die die Support Station aufsuchen, sind männlich. Als offene, diskrete und niedrigschwellige Anlaufstelle außerhalb von Schule bieten sie eine sehr individuelle und bedarfsgerechte Begleitung an. Statt standardisierter Maßnahmen werden maßgeschneiderte Angebote gemacht, je nachdem, was ein (junger) Menschen braucht und leisten kann. Die pädagogische Betreuung zielt darauf, Potenziale aufzudecken, die eine schrittweise Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen.

Der Übergang von der Schule in den Beruf ist im japanischen Verständnis nicht nur ein Übergang in die Arbeitswelt sondern auch ein Übergang in die Gesellschaft. Das wird durch den Ausdruck „SHAKAIJIN NI NARU“ deutlich. „Mitglied der Gesellschaft werden“ beinhaltet sowohl, dass junge Menschen Erwachsene werden und auf eigenen Beinen stehen als auch dass Schulabgänger/-innen und Absolvent(inn)en eine Arbeit beginnen und Arbeitskraft für die Gemeinschaft werden. Die Gesellschaft bemüht sich, möglichst allen diesen Übergang problemlos zu ermöglichen. Dennoch verlaufen die Übergänge von Schule in den Beruf in Japan nicht mehr so reibungslos wie das früher der Fall war.

Die Schulen haben eine wichtige Funktion beim Zugang zur Arbeitswelt. Sie haben gute Kontakte zu Unternehmen und arbeiten eng mit öffentlichen Arbeitsvermittlungen zusammen. Zudem wird in den Schulen das Konzept von Career Education umgesetzt, das auf die Lebenswegplanung und die Vorbereitung auf die Arbeitswelt abzielt. Im Vordergrund steht dabei, den Kontakt von jungen Menschen mit der Erwachsenenwelt zu fördern und so möglichst allen Schüler(inne)n einen sanften Übergang in die Gesellschaft zu ermöglichen. Die japanische Vorbereitung auf die Arbeitswelt zielt - anders als die deutsche Berufsorientierung - nicht auf die Berufswahl, sondern auf die Karriereplanung. Pädagogisches Ziel der Career Education ist es, Jugendliche charakterlich darauf vorzubereiten, sich  möglichst ein Leben lang auf einen Arbeitgeber/ eine Arbeitgeberin einzulassen, in die jeweilige Unternehmenskultur einzugliedern und sich mit dem Unternehmen zu identifizieren.    

In Japan übernimmt Training on the Job die Funktion einer regulären beruflichen Bildung. Ein Berufsbegriff, verbunden mit einem spezifischen Kompetenzprofil, ist in Japan anders als in  Deutschland weithin unbekannt. Der Einstieg in die Erwerbstätigkeit erfolgt über die  Anwerbung von Absolvent(inn)en an der jeweiligen Schule oder Universität durch die Unternehmen.
Die Ausbildung liegt in Japan ganz in den Händen der jeweiligen Firma. Das jeweilige Training on the Job ist an den Bedürfnissen des Unternehmens ausgerichtet. Es handelt sich vor allem um situatives Lernen von den erfahrenen Expert(inn)en. Die Bindekraft dieses Verfahrens an das entsprechende Unternehmen ist außerordentlich hoch.

Um den Übergang von der Schule zum Arbeitsplatz zu verbessern, propagierte Japan im Jahr 2003 einen Aktionsplan, der als ein zentrales Element vorsah, ein Duales System nach deutschem Vorbild“ einzuführen. Gemeint war die Verbindung von schulischem Lernen mit praktischer Erfahrung in Betrieben. Das Angebot der neu entstandenen Berufsbildungszentren umfasst sowohl Ausbildung als auch Weiterbildung und wendet sich an unterschiedliche Adressatengruppen, deren Altersspanne von Jugendlichen bis zum Alter von sechzig Jahren reicht. Inhaltlich umfassen alle Kurse die drei Bereiche Theorie, Praxis und Benehmen. Fast 83 % der Kursteilnehmenden finden nach dem Abschluss eine Stelle, weitere 10 % innerhalb des nächsten Jahres.

Quellen:

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