Glaubensgemeinschaftliche Angebote für Kinder und Jugendliche
Übersicht über die Kirchen und Religionsgemeinschaften
Polen ist von seiner Geschichte und Tradition sehr katholisch geprägt. Über 90 Prozent der Polen rechnen sich zur Katholischen Kirche zugehörig. Es sind gibt aber natürlich auch einige protestantische Kirchen, die Jugendarbeit anbieten. Das weitaus größte Spektrum bietet allerdings die katholische Kirche, die auch vom Staat besonders gefördert und unterstützt wird (worunter oft die kleinen protestantischen Kirchen leiden).
Verhältnis zwischen Staat und Kirche
Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche unterscheidet sich in Polen sehr von den laizistisch geprägten Ländern. Die Einflüsse der katholischen Kirche reichen in der Politik bis in die höchsten Positionen hinein, Kirchenvertreter genießen eine privilegierte Stellung im Staat. Gerade nach dem Wahlsieg der nationalkonservativen Partei PIS im Dezember 2005 unter Lech Kacynski scheint das Band zwischen Staat und katholischer Kirche noch enger geknüpft zu sein, die kleinen protestantischen Religionsgemeinschaften drohen hierbei ins Abseits gedrängt zu werden.
Situation während und nach dem Kommunismus
Die kommunistische Partei versuchte meist erfolglos, die Religion aus dem Staat zu verdrängen, obwohl zahlreiche Priester, Ordensleute, Bischöfe und Kardinäle unter massiven Druck gesetzt wurden. Die volkskirchliche Tradition in Polen war so stark, dass der Staatsapparat trotz eines engen Netzes von Bespitzelungen und Geheimdiensten gegen die Bevölkerungsmasse machtlos war, große Wallfahrten (z.B. Tschenstochau) konnten ebenso wenig verhindert werden wie Versuche, neue „Städte ohne Gott und Kirche“ (z.B. Arbeiterstadt „Nowa Huta“) zu bauen. Spätestens mit der Wahl des Krakauer Erzbischofs Karol Wojtyla am 16. Oktober 1978 zum Papst Johannes Paul II. hat die Bevölkerung den nötigen Rückhalt, um für ihre religiösen Recht zu kämpfen und später sogar den politischen Umsturz herbeizuführen.
Verbände, Gruppen und Bewegungen
Die katholische Jugendarbeit verfügt aber über fast keine nationalen Strukturen und Dachorganisationen, die vielen einzelnen Verbände und geistlich-charismatischen Bewegungen sind eigenständig organisiert und nur mit sporadischer Vernetzung. Dies hängt auch mit der langen volkskirchlichen Tradition in Polen zusammen. Das Herzstück der polnischen katholischen Jugendarbeit sind weiterhin die Pfarreien, wo Pfarrer und Kapläne ohne verbandliche Strukturen Aktivitäten, Katechesen und Gruppenstunden für Jugendliche organisieren. Über diese Pfarreien hinaus gibt es in der Jugendarbeit keine festen Strukturen. Davon profitieren in erster Linie die zahlreichen geistlichen Bewegungen, die sich während des Pontifikates von Papst Johannes Paul II. eines immer größeren Zuspruches erfreuten (z.B. Fokolar-Bewegung, Schönstatt, Neokatechumenat etc.) und regelmäßige überregionale Treffen organisieren.
Die katholische Jugendarbeit in Polen kann man grob in drei Bereiche unterteilen:
- die OASE-Bewegung:
In der OASE-Bewegung engagieren sich etwa 66 000 Jugendliche. Die biblisch-liturgischen Programme der OASE-Bewegung richten sich vor allem an Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Neben den Sommerlagern treffen sich auf Pfarrgemeindeebene einmal pro Woche die einzelnen Jugendgruppen mit ihrem Animator (meist einem Priester). Die OASE-Bewegung erreicht mit ihren Programmen vor allem viele Gymnasialschüler.
- die Studentenseelsorge:
In der Studentenseelsorge sind in Polen in den Universitätsstädten über 250 Seelsorger tätig und in einem Kollegium der Studentenseelsorger zusammengefasst. Neben ihrer seelsorgerischen Tätigkeit engagieren sich viele Priester auch in der Lehre: so halten sie Vorlesungen zu Themen wie katholische Soziallehre, Ethik und Kirchengeschichte. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Studentenverbänden, von der Vereinigung „Friede und Gutes“ bis hin zu stark religiös geprägten Verbänden wie „Totus Tuus“ oder „Emmaus“. Ein Überblick über alle Studentenverbindungen gibt die Broschüre „Jugendverbände in Polen“ vom IJAB (Herausgeber), Bonn, 1992 (vergriffen).
- die verschiedenen Verbände und geistlichen Bewegungen:
Weiterhin eng mit der katholischen Kirche verbunden ist die polnische Pfadfinderorganisation Zwiazek Harcerstwa Rzeczypospolitej (ZHR), die sich nach der politischen Wende neu ausgerichtet hat und zu den traditionellen christlichen Werten des Scoutings zurückkehrte. Das ZHR besteht heute aus 13 eigenständigen Bezirken und hat eine Dachbehörde, die so genannte Naczelnictwo ZHR. Deren Vorsitzender vertritt die polnischen Pfadfinder auch im Ausland. Weitere Infos (auch auf Deutsch) und Kontakt unter: http://www.zhr.pl
Symptomatisch und dennoch ein polnisches Beispiel für die neuen geistlichen Bewegungen ist die so genannte „Lednica-Bewegung“, die 1997 durch das Engagement des Dominikanerpaters Jan Góra OP entstanden ist. Jedes Jahr an Pfingsten treffen sich in Lednica unter dem Symbol des Fisches (der an die Taufe erinnern soll) mehrere Hunderttausende Jugendliche, um gemeinsam das Pfingstfest zu begehen. Die Ledinca-Bewegung zeigt viele typische Merkmale für die polnische katholische Jugendarbeit auf: In Polen kann man ohne größere Schwierigkeiten viele junge Menschen für die Kirche mobilisieren und große überregionale Treffen organisieren. Auf der anderen Seite hat sich – wie in ganz Polen – bisher in Lednica noch keine feste Struktur herausgebildet, die diese Bewegung mit hauptamtlichen Angestellten institutionalisiert. Es gibt zwar ein großes Netz von Freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern, vieles ist aber (noch) auf den Gründer Jan Góra OP zentralisiert. Mehr zur „Lednica-Bewegung“ und Kontakt im Internet (nur auf Polnisch) unter www.lednica2000.pl und in einem Artikel der Zeitschrift: Ost-West Europäische Perspektiven. Schwerpunkt: Religion in Europa, hrsg. von Renovabis und dem ZDK (4. Jahrgang 2003, Heft 1). Mainz. 2003. S. 74-79.
Der für die polnische Jugendarbeit zuständige Bischof ist der Weihbischof von Siedlce, Henryk Marian Tomasik. Es gibt aber keine eigenständige Jugendsektion der polnischen Bischofskonferenz. Weitere Infos zu Bischof Tomasik unter: www.diecezja.siedlce.pl/id.php?i=12
Für die Weltjugendtage gibt es ein eigenständiges Büro, das auch für Kontakte mit der Jugendarbeit aus dem Ausland zuständig ist. Mehr unter: www.sdm.org.pl/index_pl.php?i=6&str=o_nas
Für die Bildungsarbeit der katholischen Jugendlichen gibt es seit 1993 einen Verein der christlichen Bildungswerke (Stowarzyszenie Chrześcijańskich Dzieł Wychowania - SChDW). Der Hauptarbeitsbereich dieses Vereins ist die Organisation von Fortbildungsprogrammen, die sich an Jugendliche und ihre Erzieher/-innen, Lehrkräfte und Eltern richten. Sie behandeln aktuelle Probleme und Fragen wie das Engagement der Jugendlichen im gesellschaftlichen Leben, die europäische Integration, den kritischen Umgang mit Massenmedien, die Suchtproblematik, Gefahren von Seiten der Sekten usw. und leistet damit einen wichtigen Bereich zur Bildung der katholischen Jugend. Der SChDW verfügt über mehrere Bildungszentren in Polen und arbeitet mit der AKSB (Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke) zusammen und unterhält auch Kontakte ins Ausland.
Weitere Informationen (auf Deutsch) und Kontakt unter: http://www.schdw.org.pl/deutsch.htm
Die protestantischen Kirchen versuchen ihre (bescheidenen) Kräfte zu bündeln und haben dazu einen Dachverband gegründet: Im nationalen ökumenischen Jugendkonzil sind sieben eigenständige Kirchen Mitglied: Die Lutheraner (www.cme.org.pl/, auch auf Deutsch und Englisch), die Reformierten (www.reformowani.pl/mlodziez/), Methodisten (www.metodysci.pl), die Baptisten (www.baptysci.pl), die Altkatholiken, die polnisch-katholische Nationalkirche (in den Vereinigten Staaten tätig, www.pncc.org) und die Orthodoxe Kirche. Jede dieser sieben Kirchen bietet eigenständige Jugendarbeit an und sendet einen Abgeordneten in das ökumenische Jugendkonzil. Da die meisten dieser Kirchen sehr klein sind, ist ihre Jugendarbeit regional begrenzt und überschaubar, zuständig sind meistens regionale Jugendreferenten, die die Jugendarbeit in einem größeren geographischen Gebiet organisieren. Eine gemeinsame (auch englischsprachige) Seite des nationalen ökumenischen Jugendkonzils ist im Entstehen, die dann auch die Jugendarbeit der einzelnen protestantischen Kirchen enger vernetzen soll.
Kontakt: Julia Lewandowska (Präsidentin des ökumenischen Jugendkonzils)
julinek@o2.pl oder julinek@reformowani.pl, Fon: +48 600 184034; Ewa Jelinek eyellineck@wp.pl, Fon: +48 697 449072; Ksenia Buresz ksenia@reformowani.pl; Pfarrer Tadeusz Jelinek, Fon/Fax: +48 63 2442624
Austausch und Partnerschaftskontakte
Um gute deutsch-polnische Kontakte in der katholischen Jugendarbeit bemüht sich seit vielen Jahren die „Aktion West-Ost“, ein dem BDKJ angegliederter Dachverband für die drei deutsch-polnischen Verbände „Gemeinschaft Junges Ermland“, „Adalbertusjugend“, „Junge Grafschaft“ und für den deutsch-tschechischen Jugendverband „Junge Aktion der Ackermanngemeine“. Alle Jugendverbände sind nach dem zweiten Weltkrieg von Vertriebenen als Versöhnungsinitiative gegründet worden. Der Dachverband „Aktion West-Ost“ organisiert regelmäßig deutsch-polnische Jugendbegegnungen wie Bildungsveranstaltungen und bietet für Multiplikator(inn)en im deutsch-polnischen Austausch ein breites Angebot an Material und Hilfeleistungen. Mit polnischen Partnern werden auch Fortbildungen und Schulungen für ehrenamtlich tätige Jugendliche in der deutsch-polnischen Jugendarbeit durchgeführt.
Literatur zur katholischen Jugendarbeit in Polen (auf Polnisch)
Alina Petrowa - Wasilewicz, Leksykon ruchów i stowarzyszeń w Kościele, Katolicka Agencja Informacyjna, Warszawa 2000.
Maria Chymuk, Aksjologiczne preferencje studentów uczelni krakowskich, Wyższa Szkoła Filozoficzno-Pedagogiczna " IGNATIANUM", Wydawnictwo WAM, Kraków 2004
Links
www.kosciol.pl - Ökumenischer Informationsdienst (auf Polnisch)
www.ekd.de/download/polen.pdf - Länderinformationen Polen (kirchliche Partnerbeziehungen), Herausgeber: Kirchenamt der EKD, Informations- und Kontaktstelle Osteuropa (IKOE)
www.goeast-online.de - GO EAST. Jugend in Ost und West gestaltet Zukunft. Eine Arbeitshilfe für die kirchliche Jugendarbeit in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, Herausgeber: BDKJ und Renovabis


