Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit - RU
Hier gibt's Infos zu den Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit in Russland. Mehr lesen unter
Situation der Kinder und Jugendlichen
Kultur und Lebensformen
Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
Kriminalität
Drogen
Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
Die Rate der Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch und nimmt immer noch weiter zu. Verlässliche Zahlen gibt es jedoch nicht. Dabei ist sie im europäischen Teil Russlands und in den Städten geringer als im asiatischen Teil respektive in ländlichen Gegenden.
Das Thema Jugendbeschäftigung ist einer der schwierigsten Fragestellungen bei der Umsetzung der staatlichen Jugendpolitik. In den Jugendämtern gibt es besondere Abteilungen für Jugendbeschäftigung. Außerdem gibt es Sonderprogramme auf Kreis- und Gemeindeebene zur Förderung der Beschäftigung von Heranwachsenden und Jugendlichen. Hier besteht eine enge Zusammenarbeit mit den allgemeinen Arbeitsämtern und den so genannten sozialen Diensten. Jährlich werden rund 20 000 arbeitslose Berufschulabsolvent(inn)en durch besondere Arbeitsförderprogramme in den Arbeitsprozess eingegliedert.
Kriminalität
Die Kriminalität unter Kindern und Jugendlichen steigt. Jugendliche suchen Halt im Alkohol- und Drogenkonsum und driften in die kriminelle Szene ab. Etwa 60 von 100 begangenen Straftaten werden von Jugendgruppen begangen.
Die Jugendgerichtsbarkeit in Russland sieht eine gerichtliche Belangung von unter 14-Jährigen nicht vor. Sie werden für maximal drei Jahre in geschlossene Bildungsstätten eingewiesen. Straffällige 14- bis 18-Jährige, in Ausnahmen auch bis 21-Jährige werden in so genannte Besserungsanstalten respektive Jugendgefängnisse eingewiesen. Ab 18 Jahren können Jugendliche in Gefängnisse für Erwachsene eingewiesen werden.
Soziale Probleme, zerrüttete Familien, Alkoholkonsum der Eltern und daraus resultierende Probleme treiben Kinder und Jugendliche auf die Straße. Die Zahl der Straßenkinder in Russland wird mittlerweile (Stand Januar 2002) auf eine Million (Perm: 1954 Kinder in 2001, Jekaterinburg: 6000 Kinder in 2001, Irkutsker Gebiet: derzeit zirka 1500) geschätzt. 60% der Straßenkinder sind in kriminelle Machenschaften verwickelt. Bettelnde Kinder und Jugendliche umringen ahnungslose Touristen auf der Straße und berauben sie. Über 28 000 Kinder werden jährlich in Moskau auf der Straße aufgegriffen; nur jedes 10. Kind kann wieder nach Hause gebracht werden.
Zirka ein Drittel der Straßenkinder geht der Prostitution nach.
In Moskau war bis Ende 2002 die Schaffung von zirka 3000 Sozialunterkünften für Straßenkinder und Ausreißer vorgesehen.
Das Innenministerium Russlands äußerte sich im September 2005 besorgt über die “Verjüngung” der Jugend- und Kinderkriminalität. Dabei wurde mitgeteilt, dass die Verjüngung der Kriminalität unter den Minderjährigen hat die Neun-Jahre-Grenze unterschritten hat. Teilweise seien Fakten registriert worden, da sechsjährige Kinder, die verschiedene Verbrechen begangen hätten, ins Blickfeld der Miliz geraten seien. Im Sommer 2005 haben russische Milizionäre eine Operation unter der Bezeichnung „Teenager“ durchgeführt. Im Rahmen dieser Aktion wurden 9500 Minderjährige wegen verschiedener Verbrechen und 109 000 wegen Ordnungswidrigkeiten festgenommen. Weitere Informationen: de.rian.ru/society/20050914/41396891.html
Drogen
Großen Anlass zur Sorge gibt der Alkohol- und Drogenkonsum unter Kindern und Jugendlichen. Von den 14- bis 18-Jährigen trinken 88 % der Jungen und 93 % der Mädchen regelmäßig Alkohol. Andere Drogen werden von 56 % der Jungen und 20 % der Mädchen konsumiert. Von den in Moskau geschätzten 600 000 bis 1 Million Drogenabhängigen ist der größere Teil im jugendlichen Alter. Landesweit geht man davon aus, dass 70 % der Abhängigen Jugendliche und junge Erwachsene sind. 90 % der Moskauer Drogenabhängigen sind mit Hepatitis infiziert. Auch die Zahl der HIV-Infizierten steigt an. 6645 Kinder gelten landesweit als infiziert. (Quelle: http://www.inter-pedagogika.ru/shapka.php?sect_type=11&menu_id=94§ion_id=1483&alt_, 12.11.08)
Am 1. Juni 2002 wurde in Moskau das erste städtische Drogenzentrum für Kinder eröffnet.
Die Russische Regierung hat in ihrer Sitzung am 21. Juli 2005 das Föderale Programm "Umfassende Maßnahmen im Kampf gegen den Missbrauch von Drogen und den illegalen Drogenhandel für die Jahre 2005 bis 2009“ gebilligt. Der stellvertretende Ministerpräsident wies auf die Notwendigkeit hin, den Drogenmissbrauch in Russland bis 2009 um 20% zu senken. Ebenso hob er die Bedeutung vorbeugender Maßnahmen gegen die Drogenabhängigkeit unter Jugendlichen hervor. Weitere Informationen (Pressemeldung) in Russisch hier oder auf Deutsch hier.
Gesetzliche Grundlagen
Relevante Gesetze
Der Begriff der staatlichen Jugendpolitik wurde 1991 in der Russischen Föderation eingeführt. Die staatliche Jugendpolitik bezieht die Altersgruppe der 14- bis 30-Jährigen ein. Auf regionaler Ebene liegen lokale gesetzliche Regelungen vor, da in einigen Republiken schon Zehnjährige beziehungsweise auch 35-Jährige unter den Begriff der Jugendlichen gefasst werden.
Ein Kinder- und Jugendhilfegesetz, wie es in der Bundesrepublik Deutschland vorliegt, gibt es in der Russischen Föderation noch nicht.
Gesetzliche Grundlagen für die Umsetzung der staatlichen Jugendpolitik und die Arbeit der Kinder- und Jugendorganisationen, sind:
- Erlass des Präsidenten der Russischen Föderation über vorrangige Maßnahmen im Bereich der staatlichen Jugendpolitik (vom September 1992)
- Beschluss des Obersten Sowjets der Russischen Föderation über die grundlegenden Ausrichtungen der staatlichen Jugendpolitik (vom Juni 1993)
- Gesetz über öffentliche Verbände (vom April 1995)
- Gesetz über die staatliche Förderung von Kinder- und Jugendverbänden (vom Mai 1995)
- Gesetz über Wohlfahrtstätigkeit und Wohlfahrtsverbände (vom Juli 1995)
- Gesetz über nichtkommerzielle Organisationen (vom Dezember 1995)
- Gesetz über die Ergänzungen zu ausgewählten gesetzlichen Grundlagen (Gesetz über Nichtregierungsorganisationen, Januar 2006).
- Erlass des Präsidenten über die System- und Strukturfragen der föderalen Organe der Exekutive (vom 12. Mai 2008) - Schaffung des Ministeriums für Sport, Tourismus und Jugendpolitik
- Regierungsverordnung über die Föderale Agentur für Jugend (vom 29. Mai 2008)
Außerdem haben die Regionen Gesetze über die staatliche Jugendpolitik erlassen.
Mitte 2002 wurde das Gesetz über den Zivildienst als Alternative für den Militärdienst verabschiedet.
Eine Analyse der gesetzlichen Lage im Jugendbereich (in Russisch) hier ...
Altersbezogene gesetzliche Bestimmungen
| Volljährigkeit | 18 Jahre |
| Wahlrecht | 18 Jahre |
| Recht auf Kandidatur | 21 Jahre |
| Schuleintrittsalter | 5 Jahre |
| Recht auf Erlangung eines Führerscheins | 18 Jahre (für Auto) |
| Wehrpflicht | 18 Jahre |
| Erwerb von Alkohol | 21 Jahre |
Kinder- und jugendpolitische Strukturen
Relevante Ministerien und ihre Zuständigkeiten
Nationale und regionale Kinder- und Jugendräte
Kinder- und jugendpolitische Einrichtungen und ihre Kompetenzen
Kinder- und jugendpolitische Schwerpunkte und Aktionsprogramme
Relevante Ministerien und ihre Zuständigkeiten
Das für Jugendfragen zuständige Ministerium ist seit Mai 2008 das Ministerium für Sport, Tourismus und Jugendpolitik (Министерство спорта, туризма и молодежной политики Российской Федерации). Die im Ministerium ansässige Abteilung für Jugendpolitik und Öffentlichkeitsarbeit ist zuständig für die strategische Planung, Analyse und Festlegung der Prioritäten der Jugendpolitik in Russland. Im Bereich der internationalen jugendpolitischen Zusammenarbeit trägt das Ministerium die Verantwortung für die Vorbereitung und Unterzeichnung von Regierungsabkommen. Minister: Vitali L. Mutko
Dem Ministerium nachgeordnet ist die Föderale Agentur für Jugend (Федеральное агентство по делам молодежи, Росмолодежь). Dieser sind die Abteilungen für Jugendfragen sowie für die internationale Zusammenarbeit unterstellt sind. Die Agentur ist für die Umsetzung der Jugendpolitik in Russland zuständig. Im Bereich der internationalen jugendpolitischen Zusammenarbeit trägt die Agentur die Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung regelmäßiger Fachprogramme und Veranstaltung zur Umsetzung von Abkommen und Vereinbarungen.
In der Russischen Föderation gibt es Komitees für Jugendfragen auf der Ebene der Republiken, der Regionen und Gebiete, der Bezirke sowie auf der Ebene der Stadt- und Kreiskomitees für Jugendfragen. Bei den Stadtkomitees handelt es sich um Komitees der Exekutive. In allen Fällen gibt es Abteilungen für Kinder- und Jugendpolitik in den Stadt- und Bezirksverwaltungen.
Weitere Einrichtungen, die sich mit Kinder- und Jugendfragen beschäftigen, sind:
- Ministerium für Gesundheitswesen und soziale Entwicklung, unter anderem der Föderale Dienst für Arbeit und Beschäftigung,
- Ministerium für Kultur,
- Ministerium für Notfallsituationen.
Nationale und regionale Kinder- und Jugendräte
Der 1992 gegründete Russische Nationale Jugendrat koordiniert als Dachverband die Aktivitäten der Kinder- und Jugendorganisationen Russlands. Ende 2002 umfasste er 72 Mitgliedsorganisationen. Dabei handelt es sich um föderale Organisationen und regionale Koordinierungszentren. Jede Organisation ist mit einer Stimme vertreten. Der Nationale Jugendrat ist Mitglied im Europäischen Jugendforum.
Der Russische Jugendverband als Nachfolgeverband des Komsomol unterstützt den Nationalen Jugendrat durch die Bereitstellung von Räumlichkeiten und die Nutzung von Telefon und Fax. Der Mitgliedsbeitrag der Mitgliedsorganisationen des Nationalen Jugendrates liegt bei 100 US-Dollar pro Jahr; was für viele nicht wenig ist.
Kinder- und jugendpolitische Einrichtungen und ihre Kompetenzen
Der 1992 gegründete Russische Nationale Jugendrat (siehe Nationale und regionale Jugendräte) entspricht in seinem Status etwa dem Deutschen Bundesjugendring (DBJR).
2000 wurde zur besseren Koordination der Jugendpolitik eine Regierungskommission für Jugendfragen gebildet, der Vertreter betroffener Ministerien und föderaler Kommissionen, Abgeordnete der Duma und der russischen Regionen sowie Mitarbeiter von gesellschaftlichen Jugendvereinigungen angehören.
Zu weiteren Einrichtungen siehe Kinder- und Jugendhilfe in der Praxis.
Kinder- und jugendpolitische Schwerpunkte und Aktionsprogramme
Im Juni 1993 wurde der Beschluss zu den Hauptrichtlinien der staatlichen Jugendpolitik in der Russischen Föderation ratifiziert. Diese sind:
- die Rechte der jungen Leute zu sichern,
- jungen Leuten Garantien im Arbeits- und Beschäftigungsbereich zu geben,
- unternehmerische und landwirtschaftliche Aktivitäten von jungen Leuten zu unterstützen,
- jungen Familien staatliche Unterstützung zu gewähren,
- talentierte junge Leute zu unterstützen,
- Bedingungen für die physische und geistige Entwicklung junger Leute zu schaffen,
- die Arbeit von Kinder- und Jugendverbänden zu unterstützen,
- internationalen Austausch zu entwickeln.
Die für den Zeitraum 2008-2012 gesetzten Prioritäten der russischen Regierung liegen auf folgenden Bereichen:
- die Gewinnung Jugendlicher für gesellschaftliches Engagement
- die Entwicklung von Unterstützungssystemen für Jugendinitiativen und begabte Jugendliche
- die Gewährleistung wirksamer Sozialisierungsmaßnahmen für Jugendliche in prekären Lebenslagen
Ende 2006 wurde die Strategie der staatlichen Jugendpolitik in der Russischen Föderation verabschiedet. Sie wird bis 2016 gelten und bestimmt den Umfang der vorrangigen Maßnahmen im Jugendbereich, die vor allem auf die Zielgruppe der 14- bis 30-Jährigen ausgerichtet sind. Dazu gehören auch Jugendliche in schwierigen Lebenslagen und junge Familien.
Das Programm "Die Jugend Russlands" 2011-2015 zur Umsetzung einzelner in dieser Strategie benannten Projekte, wurde bisher nicht bewilligt. Das Komitee für Jugendfragen in der Staatsduma hat den Entwurf aufgrund unzureichender inhaltlicher Darstellung sowie nicht ausreichend veranschlagter Mittel zur Umsetzung der geplanten Maßnahmen abgelehnt. (Quelle: http://www.molurist.ru/molros20112015)
Im Oktober 2010 hat die russische Regierung das staatliche Programm zur patriotischen Erziehung der Bürger/-innen Russlands für den Zeitraum 2011 bis 2015 verabschiedet. Es ist die Fortsetzung seiner Vorgängerprogramme von 2001-2005 und 2006-2010.
Eine Übersicht der für 2012 auf förderaler und regionaler sowie mit internationaler Beteiligung geplanten Maßnahmen im Jugendbereich hier ...
Staatliche nationale Förderung
Ein Kinder- und Jugendplan, der wie in der Bundesrepublik Deutschland die Förderung der Jugendarbeit regelt, existiert in der Russischen Föderation nicht. Bisher war das Departement für Jugendpolitik im Bildungsministerium (jetzt: Ministerium für Bildung und Wissenschaft) der Russischen Föderation für die staatliche Jugendförderung zuständig. Im Staatsbudget nahmen die Ausgaben für Kinder- und Jugendprogramme bisher einen verschwindend geringen Platz ein. Gemäß dem Gesetz über die Staatliche Unterstützung von nichtstaatlichen Kinder- und Jugendorganisationen wurde 2003 ein Föderationsregister eingerichtet, wo sich nichtstaatliche Kinder- und Jugendorganisationen, die einen Anspruch auf staatliche Förderung haben, registrieren können.
Die allgemeine schwierige wirtschaftliche Lage in der Russischen Föderation erlaubte es dem Departement für Jugendpolitik nicht, seinen Aufgaben in jeder Hinsicht nachzugehen. Es konnte nur punktuell fördern. Meist waren es Projekte, die eine föderale Wirkung haben. Die Aufgabe der Förderung wurde weitgehend an die Regionen abgegeben. 99% der regionalen Förderung kommen aus dem Haushalt der Regionen. Regionen, denen es wirtschaftlich gut geht (Nizhnij Novgorod, Tjumen, Jakutsker Gebiet), stellen weit mehr Geld für die Jugendförderung zur Verfügung als wirtschaftlich schwächere Regionen.
Private und sonstige Finanzierungsquellen
In der Russischen Föderation gibt es keine relevanten privaten russischen Stiftungen. Wichtige Stiftungen, die die Bereitstellung von Geldern im Bereich der Jugendförderung in der Russischen Föderation übernehmen, sind US-amerikanische oder westeuropäische Stiftungen, zum Beispiel das Open Society Institute and Soros Foundations Network, die Ford-Stiftung, Eurasia Foundation, die Charles Stuart Mott Foundation, Xerox Foundation About Xerox/The Xerox Foundation, AT&T Foundation, World Learning, Samuel Rubin Foundation, Counterpart Foundation, Foundation Center. Weitere wichtige Adressen unter www.austausch.org/links/index.shtml (Internationale Organisationen/Stiftungen).
Eine andere Geldquelle für Kinder- und Jugendarbeit ist die Bereitstellung von Finanzmitteln durch Geschäftsleute, die damit ihr Ansehen im Bereich der Wohlfahrt erhöhen wollen, deren Interessen aber meist nur von kurzfristiger Dauer sind, weil sie etwa ein bestimmtes Projekt interessiert und sie es deshalb unterstützen. Steuervorteile spielen hier für die Geschäftsleute auch eine bedeutende Rolle. Ebenso werden ausländische Unternehmen, die in der Russischen Föderation angesiedelt sind, als Geldgeber in Betracht gezogen. Die Möglichkeiten in diesem Bereich schöpfen die russischen Kinder- und Jugendorganisationen und -verbände aber bisher nicht voll aus.


