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Der Koran - Gottes Rede in Buchform

Aufgeschlagener Koran: Foto: Liudmila Travina - fotolia.com
Aufgeschlagener Koran: Foto: Liudmila Travina - fotolia.com

Das Buch umfasst 114 Kapitel, Suren genannt, und rund 6666 Verse. Jeder Textabschnitt trägt eine Überschrift. Die erste Sure wird ganz pragmatisch als Al Fatiha, die Eröffnende, bezeichnet. Sie enthält in einer Art Kurzfassung in wenigen Sätzen die ganze zentrale Botschaft des Korans:

  • Die Bestätigung der Einheit allen Seins (arabisch: tawhid).
  • Die Einzigkeit Gottes, der Lobpreis gehört Gott allein. 
  • Die Barmherzigkeit des Schöpfers gegenüber seinen Geschöpfen.
  • Die Verantwortung der Schöpfung vor Gott.
  • Die Bitte der Menschen an Gott um die rechte Begleitung im Leben.

Bedeutung der Rezitation

Die Suren werden mit der Erinnerung an die unfassbare Barmherzigkeit Gottes eröffnet. Der/die Lesende liest den Namen Gottes und begibt sich mit dieser einleitenden Formel symbolisch in dessen Gegenwart. Ein Merkmal des Koran ist der häufige Verweis auf frühere Offenbarungsschriften (Bibel, Talmud), deren Kenntnis vorausgesetzt wird. Die spirituelle Bedeutung der Rezitation liegt in der Verinnerlichung der Vorstellung, Gottes eigene Worte rezitieren zu dürfen und auf diese Weise in einen Dialog mit Gott zu treten. Der Begriff Koran bedeutet „Der oft-zu-lesende-Vortrag“.

Quelle für Glauben und rituelles Leben

Muslime schöpfen ihre Informationen über ihre Beziehung zu Gott, über das rituelle Glaubensleben und über das soziale Miteinander in erster Linie aus dem Koran. Aus den koranischen Texten entwickelte sich eine reichhaltige Theologie und Rechtstheorie. Für die Rechtsentwicklung war entscheidend, dass Barmherzigkeit, Vergebung und Versöhnung der juristisch-rechtlichen Beurteilung vorangehen.

Die zentrale Botschaft des Islam

Die zentrale Botschaft ist der reine Monotheismus. Muslime sind davon überzeugt, dass alle Schöpfung aus einer einzigen Quelle stammt und dass Gott ein einziger Gott ist. Bezeugt wird diese Aussage im ersten Teil des Glaubensbekenntnisses: „Nein, es gibt keinen Gott außer Gott“. Das Bekenntnis beginnt mit einer Verneinung. Durch Ausschluss all dessen, was nicht Gott ist (nicht sein kann), wird Gott bezeugt in dem Ausdruck „Allah ist größer als alles Vorstellbare“ (Allahu akbar). Gott ist also der durch menschliches Erfassungsvermögen nicht definierbare Eine. Gott als Kristallisationspunkt macht frei und bewahrt davor, anderen Vorstellungen (Systemen, Göttern) dienen zu müssen.

Der Monotheismus dient dem Menschen und nicht Gott. Das Zeugnis der Wahrhaftigkeit der Botschaft erfolgt durch den zweiten Teil des Bekenntnisses, in dem der Gesandte Muhammad als Überbringer der Botschaft bestätigt wird.

Im Übrigen heißt die praktische Botschaft des Islam: Mensch handle in der Welt. Ohne Handlung ist das Bekenntnis letztlich Leere. Nur durch Handlung kann sich der Bekennende Gott annähern.

Der Mensch wird als Geschöpf göttlichen Wollens gesehen. Dies bedeutet eine unauflösbare Verbindung zwischen Gott und seinen Geschöpfen. Der Mensch kann sie lösen, Gott löst sie nicht. Der Mensch ist frei in Glauben, Weltanschauung und persönlicher Lebensführung. Worte Gottes sind nach islamischer Auffassung Barmherzigkeit, Befreiung und Heilung, also Antworten auf Fragen, die der Mensch aus seiner Bedingtheit/eingeschränkten Sicht heraus nicht befriedigend beantworten kann. Von Gott gewollt, geliebt und mit Würde ausgestattet kann er sein Leben selbstverantwortlich leben.

Wir und die „Anderen" – Abgrenzung oder Ausgrenzung?

Der Koran lehnt es ab, dass Menschen über die inneren Überzeugungen anderer ein Urteil bezüglich ihres Glaubens oder Nichtglaubens abgeben. Vor einer Abwertung anderer warnt der Koran mit folgenden Worten:

„Glaubt ihr, es würde euch etwas anderes gegeben werden, wie denen gegeben wurde, die vor euch lebten." (Koran 35:42)

Die Bekenner und Bekennerinnen göttlicher Botschaften werden von der Theologie der ummatu l-mu’minin, das heißt der Gemeinschaft der Glaubenden zugerechnet. 

Das Verhältnis zu anderen wird demnach dialogisch definiert. Der Koran formuliert, dass „sich die einen nicht die anderen zu Herren nehmen" sollen. Ein Dialog, der positive Ergebnisse erzielen will, muss also durch Gleichwertigkeit gekennzeichnet sein. Nicht alle Muslime beachten die von Gott gezogene Grenze und sein Recht, über das zu entscheiden, was in den Herzen der Menschen ist. 

Die Deutung des Textes – Hermeneutik

Nach Aussagen vieler muslimischer Fachleute ist lediglich ein geringer Teil der Texte des Korans normativ. Es bleibt demnach stark umstritten, den Islam als eine ‚Gesetzesreligion’ zu bezeichnen.

Der koranische Text war und ist einer Deutung zugänglich. Diese Mehrdeutigkeit wird im Koran selbst angesprochen. Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit zur Gänze zu wissen. Koranaussagen müssen jeweils in Beziehung zum Kontext und zur Lebenswelt der Gläubigen gesetzt werden. Neue Kontexte bedürfen einer Auslegung der Texte gemäß der vorgefundenen Bedingungen. Dies ist Aufgabe der Theologie und der Rechtswissenschaft. 

Die Vielfalt der Meinungen führt natürlich aber auch zu Spannungen. Dass dies nicht unbedingt negativ zu bewerten ist, hält der Islam in dem oft zitierten Ausspruch des Propheten fest: "Die Meinungsverschiedenheiten meiner Gemeinde sind eine Barmherzigkeit des Schöpfers.“ 

Die Theologie trifft eine Unterscheidung in einerseits beständige Grundsatznormen, wie z.B. das Recht Gottes auf alleinige Anbetung oder das Recht des Menschen auf Leben, Eigentum und Sicherheit und andererseits wandelbaren Vorschriften, die durch menschliches Bemühen erarbeitet werden. In der modernen Erneuerungstheologie herrscht Einigkeit: Gott setzt Recht, Gesetze machen die Menschen. Das Recht ist ewig, die Gesetze dagegen sind zeitabhängig. Sie können im Kontext ihrer Zeit Veränderungen erfahren und dennoch den Geist ihrer Aussage bewahren. Unter den einzelnen Rechtsschulen und Theologien besteht zu dieser Frage keine Einigkeit. 

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