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Glaubensrichtungen

Im Islam haben sich aufgrund unterschiedlicher Wertung von Texten des Korans und der Sunna (Texte über die Lebensweise des Propheten) verschiedene Glaubensrichtungen herausgebildet. Die Sunniten stellen ca. 80 bis 85 % der Gläubigen, die Schi'iten etwa 15 %. Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen besteht in der Frage der Nachfolge des Propheten und der Bedeutung des Leiters der Gemeinschaft.

Die Ursachen für aktuelle Uneinigkeiten zwischen Sunniten und Schiiten sind weniger auf die Glaubenslehre als vielmehr auf politische Gründe zurückzuführen. Während Sunniten und Schiiten heute in Europa Kontakt und Kooperation pflegen, ist dies zurzeit zum Beispiel im Irak nicht möglich. Es besteht jedoch Übereinstimmung, dass das Ringen um gültige Aussagen nicht zu Diskriminierung, Ausgrenzung oder gar Gewalt führen darf. Aufgeklärte Muslime sagen, dass sich über Glaubensfragen stets streiten lässt, aus unterschiedlichen Auffassungen aber weder Nachteile noch Vorteile abgeleitet werden dürfen.

Sunniten

Die Sunniten heben die Bedeutung der Lebensweise des Gesandten Muhammad (Sunna) hervor. Sie bestätigen die Rechtgläubigkeit und Rechtmäßigkeit der ersten vier Khalifen (arabisch: Nachfolger, Stellvertreter, islamischer Herrschaftstitel), die nach Muhammads Tod die Gemeinschaft der Gläubigen führten. Deren Handlungsweise und Aussprüche sind für sie von Interesse, aber nicht normativ. Leitende Funktionen sollen von frei gewählten Persönlichkeiten ohne Ansehen ihrer Abstammung oder Zugehörigkeit übernommen werden.

Die Leitung der Gemeinschaft ist an keine besondere Gesellschaftsform gebunden. Neben dem Khalifat kann es sich auch um eine Monarchie oder auch die Leitung durch ein Parlament handeln. Diese Auffassung wird von den meisten, aber nicht von allen Gläubigen vertreten. Entscheidungen müssen im Konsens gefällt werden. Die Angelegenheiten der Gemeinschaft sind eine Sache gegenseitiger Beratung (Koran 42:38), ein Merkmal demokratischen Handelns. In der Biographie des Propheten ist nachzulesen, dass er den Rat seiner Anhänger nicht nur angehört hat, sondern sich vielfach auch danach gerichtet hat.

Die Sunniten unterscheiden klar zwischen dem Wort Gottes und einer prophetischen Äußerung. Sie achten darauf, dass der Prophet das bleibt, was er selbst über sich sagte: "Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich aufgrund eurer falschen Aussagen urteile, so hat das derjenige, der die Unwahrheit sagt, zu verantworten".

Die Sunniten haben verschiedene theologische Schulen entwickelt. Zur Erarbeitung von Rechtsfragen entwickelten sie Rechtsfindungsmethoden. Heute gibt es noch vier anerkannte sunnitische Rechtsschulen. Meist gibt es in einem Land eine bestimmte vorherrschende Rechtschule, nach der sich die meisten Menschen richten.

Schi'iten

Die Schi'iten sind der Auffassung, dass nur ein Nachkomme aus dem Haus des Propheten Muhammad der Leiter der Gemeinschaft der Muslime sein kann. Nach dieser Meinung hätte Ali, der Schwiegersohn und Neffe des Propheten, der erste Khalif sein müssen. Er ist von den Sunniten als vierter Khalif anerkannt. Später entwickelte sich daraus eine Imamatstheorie, nach der ein Wort des Imams (Leiter) das gleiche Gewicht wie ein Prophetenwort hat.

Der Glaube an den Imam ist für Schi'iten heilsrelevant. Wer ihn ablehnt, wird von einigen schi'itischen Richtungen nicht als rechtgläubig anerkannt. Jeder Imam bestimmt seinen Nachfolger. Der letzte Imam lebt in der so genannten Verborgenheit. Dieser letzte Imam ist demnach nicht gestorben. Er ist „entrückt“ und die Gläubigen erwarten seine Wiederkehr. Bis zu seiner Wiederkehr wird die Gemeinschaft von gewählten Stellvertretern repräsentiert. Eine Nähe zu christlichen Theologien ist bei dieser Vorstellung erkennbar.

Auch die Schi'iten haben unterschiedliche theologische Schulen und Rechtsschulen entwickelt. Sie sind in Untergruppen geteilt, zum Beispiel Zwölferschia, Siebenerschia, Zaiditen etc. und folgen den theologischen Lehren eines oder einiger der Imame.

Neben diesen beiden großen Richtungen gibt es weitere Gemeinschaften mit einer spezifisch eigenen Theologie, unter anderem die Ismaeliten. Die Aleviten nehmen eine Sonderrolle ein, da sich einige Gruppen von ihnen zum Islam bekennen, andere jedoch nicht. Die Muslime unter ihnen erkennen jedoch die verbindlichen Gebote, die Fünf Säulen, nicht als verpflichtende Glaubenspraxis an.

Islamische Mystik / Sufismus

Tanzender Derwisch. Foto: photocase.com ©  tevfikret
Tanzender Derwisch. Foto: photocase.com © tevfikret

Mystik gilt im Islam als eine wichtige Quelle der Erkenntnis. Die islamischen Mystiker, die so genannten Sufis, lassen sich keiner spezifischen Glaubensrichtung zuordnen. Eine derartige Zugehörigkeit ist für sie eher zweitrangig. Der Sufismus vertritt eine differenzierte Methode der Annäherung an Gott. Neben den Riten sind auch zusätzliche Wege der Gottesverehrung, die zur Gotteserfahrung führen sollen, wichtig. Dies ist ein verinnerlichter mystisch-asketischer Weg, auf dem der Suchende Gott findet bzw. in die göttliche Wirklichkeit aufgenommen wird.

Die Fünf Säulen des Islam werden nicht abgelehnt, stehen aber eher im Hintergrund. Einer der berühmtesten Sufis ist Dschalal ad-Din-Muhammad Rumi, genannt Mawlana, unser Meister. Er lebte im 13. Jahrhundert in Konya (Türkei) und stammte aus Afghanistan. Auf ihn geht die geistige Übung der Derwische (asketisch lebende Mönche), unter anderem in ihrem Sema-Tanz (ekstatischer Trancetanz ) zurück. 

Auch Frauen waren Mystikerinnen, die auch als Lehrerinnen auftraten. Hier ist vor allem Rabeya von Basra zu nennen. 

Die mystische Richtung des Islams ist in Europa nicht unbekannt und wird zunehmend gepflegt. Gelegentlich nahmen solche Gruppen auch Angehörige anderer Religionen, zum Beispiel Hinduisten, in ihren Kreis auf. Sufiorden unterhalten eigene Konvente. In einigen werden auch Frauen aufgenommen.

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